Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 19

29 06 2008

DEUTSCHLAND – SPANIEN 0:1

Vorbericht

- Zum Einstieg meine persönliche Version des Sommermärchens 2008:
Der Fußballgott sitzt auf seinem Thron und ist vergrätzt. Eigentlich wollte er nach der Abarbeitung der Ergebnisse in den deutschen Ligen seine Ruhe haben. Was hatte er nicht alles vollbracht: die Standards (Schalke nicht Meister*, Bayern dafür wieder), die Überraschungen (TSG Hoffenheim???), die Demütigung eines Altmeisters (Nürnberg) und zum Schluss die Abstrafung für das Saarland** (1. FC Saarbrücken,  Borussia Neunkirchen, FC Homburg in der 5. Liga, Abstieg 1. FC Saarbrücken Frauen und der Nichtabstieg des 1. FC Kaiserslautern).
Die Wochen danach galt es jedoch Überstunden zu leisten, weshalb jeden Tag der erfreulicherweise immer noch irdische Schiri-Gott Walter Eschweiler an der Himmelspforte erschien und mit einem breiten Grinsen im Gesicht die traditionelle Begrüßungsansprache erwartete:

(Fußballgott) Mein Gott, Walter! Isses denn immer noch nich’ vorbei?
(Walter) Nein, o Pförtner von Ballhalla, einer geht noch, einer geht noch rein.
(Fußballgott) Ja, dann mach hin! Was steht denn an?
(Walter) Finaaale,
Eure Ballherrlichkeit, Finaaaale, ohoohoohooo. Deutschland gegen Spanien.
(Fußballgott) So sei es; lies mal aus der Mannschaftsakte vor, Walter.
(Walter) Deutschland: sehr bunt gemischtes Auftreten bisher: einmal ordentlich, einmal Mist, einmal durchgewurschtelt, einmal überragend, einmal Riesendusel.
(Fußballgott) Alles klar, fehlt noch eine tragische Niederlage nach überragendem Spiel im Portfolio. Strick sowas wie beim Finale der WM 2002 gegen Brasilien zusammen. Und lass den Ballack nicht mitspielen, der trägt immer noch die 13, weiß der denn nicht, dass Fußballer abergläubisch zu sein haben? Einen schönen Tag noch.
(Walter) Moment einmal. Die Spanier haben dagegen alle Spiele gewonnen und würden seit 1964 wieder einen Titel erringen.
(Fußballgott) Ui, das geht aber nun mal gar nich’. Da könnte man mir fehlende Wankelmütigkeit vorwerfen. Müssen die halt auch verlieren.
(Walter) Das wird schwierig, mein Gebieter.
(Fußballgott) Ach Walter, altes Haus, wirf einfach ‘ne Münze, ich mach jetzt Sommerferien.

Und so wurde Deutschland Europameister. Denn Münzen werfen konnte er, der Walter.

* der Fußball-Gott ist übrigens ein Riesenfan der Schalker: leider halt aber auch Sadist.
** was andeutet, dass der Fußball-Gott Saarländer sein könnte (siehe * nach dem Doppelpunkt)

- Die Spanier also, deren größter Erfolg 1964 der Gewinn der EM war, gefolgt 1984 von der Vizeeuropameisterschaft. Rein zahlenlogisch hatten die ihre große Chance 2004, wo sie in der Vorrunde Griechenland den zweiten Platz überlassen mussten, weil die mehr Tore erzielt hatten. Die Griechen! Mehr Tore! Brüller!
1964 ist schon so lange her, da war ich noch gar nicht auf der Welt. Nicht mal mein Bruder und der hält sich für sehr alt. Und 1984 war ich in dem festen Glauben, dass „Wild Boys“ von Duran Duran das härteste Lied aller Zeiten mit dem härtesten Video aller Zeiten war (das nur spät nachts ungeschnitten laufen durfte). Es ist also wirklich, wirklich lange her, dass die Spanier was gewonnen haben. Was eine Niederlage natürlich umso umso schmerzlicher machen würde. Der Druck muss ja immens sein. Ob die damit zurechtkommen, wenn sie früh im Spiel ein, zwei Törchen fangen? Oder beim Elfmeterschießen in den plötzlich ganz klein gewordenen Raum mit Netzbehang treffen müssen?

- Die Spanier können wir innerhalb der 90 Minuten nur knacken, wenn wir wie gegen Portugal per Doppelschlag in Führung gehen. Sowas lähmt traditionell südländische Beine von Rio bis Lissabon (im Südosten Europas haben sie anscheinend ein Gegenmittel gefunden). Bleibt die Frage nach dem Wie. Die Russen trafen per Kopf zum zwischenzeitlichen 1:3, ebenso die Griechen zur 1:0-Führung, während die Schweden durch einen Flachschuss von Ibrahimovic das zeitweilige 1:1 erreichten. Mit der Rübe geht also zu 75 % eher was als mit dem Fuß. Der Schlüssel zum Triumph und zu den Siegesschlagzeilen könnte deshalb Standardsituation heißen. Was auch den schönen Vorteil mit sich brächte, dass ein gewisser unbändiger Teil der Bevölkerung lernen würde, Standard ohne „t“ zu schreiben. Mit Freistößen hat es ja mittlerweile geklappt, jetzt wären die Ecken dran. Also: Klose und Ballack (so er denn doch spielen kann) exzessiv vorne rumtreiben lassen und die Daumen drücken. Vielleicht sogar doch nochmal den Gomez bringen, weil der mir mittlerweile ein wenig Leid tut und überhaupt der ideale Matchwinner wäre – der Fußballgott steht nämlich auf gefallene Helden.

- Zweite Option: Elfmeterschießen. Gegen die Italiener mag das für die Spanier geklappt haben, einen haben sie dennoch versemmelt. Einmal vorbei könnte für unsere Jungs reichen. Und wer war das damals? Daniel Güiza, mein Freund und Geldvermehrer. Daniel, ich zähl auf dich. Mach mich nochmal froh, diesmal halt rein immateriell. Wir verstehn uns, Amigo.

- Egal, wie es ausgeht, ich geh danach feiern. Alleine schon deshalb, weil wir weiter gekommen sind als Italien, Holland, Portugal und England. Weshalb der Nachbericht wahrscheinlich erst am späten Montag geschrieben werden wird. Aber wer liest schon Blogs, wenn die eigene Nation gerade Europameister geworden ist?

Nachbericht

- Es hat nicht sollen sein. Die Spanier waren die bessere Mannschaft und haben verdientermaßen gewonnen, meinen Glückwunsch. Der Fußballgott hatte letztlich doch seine Finger im Spiel und strafte den besten Deutschen des Turniers, Philipp Lahm, mit zu kurzen Beinen und zu unrobustem Körperbau, um sich gegen Fernando Torres in der 33. Minute durchzusetzen. Schon ein bisschen ähnlich tragisch wie Oliver Kahn bei der WM 2002.

- Ohne Witz, jedes Mal, wenn ich den Namen Torres hörte, hatte ich als Filmfan die Schlagzeile „TORRES! TORRES! TORRES! SPANIENS #9 VERSENKT [Mannschaft einfügen]“ im Kopf. Musste es jetzt wirklich die DFB-Elf sein, die den Platzhalter ausfüllt?

- An der Tatsache, dass ich mich an keine sehenswerte Parade von Iker Casillas erinnern kann, lässt sich der Spielverlauf ziemlich gut ablesen. Seien wir faire Sportsmänner und gönnen es den Spaniern, die nach 44 Jahren Jubelabstinenz bei Welt- und Europameisterschaften sicherlich zu den würdigen Kandidaten für das Championat zählten. Wir sind nach der Trizemeisterschaft vor zwei Jahren immerhin eine Stufe höher geklettert – auch wenn ich mich mit diesem tröstenden Argument Michael Ballack sicher heute Abend nicht nähern wollen würde.

- Ich halte es in solchen Momenten, in denen es am Ende doch nicht so hinhauen will wie gewünscht mit den fußballerisch unbefleckten, aber musikalisch ab und an treffsicheren Amerikanern von Journey, deren zwei situationsbedingt passendste Songs ich mir auch diesmal zu Herzen genommen habe. Fußball ist halt doch nur ein Spiel. In dem anders als Gary Lineker dachte auch andere Teams als Deutschland gewinnen können.

Journey – Don’t Stop Believin’
Journey – Be Good To Yourself

Abspann
Vielen Dank an alle Leserinnen und Leser, insbesondere:
tinitussi (für den überaus netten Beitrag auf gizmodo.de)
donvanone (für DonsTags stattliche Erhebung)
Herr Schoss (für die elaborierten Kommentare im EM-Tagebuch)
Frau Cara (für die Erstverlinkung dieses Blogs)
madenwirt (für den Lesebefehl)
Robert Basic (für das Robert Basic-Gebirge)

und natürlich den alten Bloggerkollegen

Alph
bullion
Dr. T. Le Vision
frau awa
Miss Sophie
(Glückwunsch zum Sieg beim Harvey-Tippspiel)
quintus
symBadisch
thwidra





Sneak Preview Sonntag, 23:15 Uhr

27 06 2008

Falls es im Finale wirklich zum Elfmeterschießen gegen die Spanier kommt, setze ich hier und jetzt ein paar Reizpunkte, wie der Jogi sagen würde:

Ja, ich weiß, der Wurst-Uli fehlt mit seinem Glanzschuss von 1976, aber dafür gibt es jetzt noch einen sehr coolen Schiri, der entweder ein besseres Regelverständnis hat als ich oder sich nicht mehr an die Details seiner Bestechlichkeitsvereinbarung erinnern konnte:





Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 18

26 06 2008

RUSSLAND – SPANIEN 0:3

Vorbericht

- Russssland ooder Schpaaaanien, iss doch eeegal, wir schlaaagn se ALLLE!
Gebtmirein E!   E
Gebtmirein U!  U
Gebtmirein R!  R
Gebtmirein O! O
Gebtmirein P!  P
Waskommtnjetz? Weshalhaddndietassatursovieelebuchshtabn? Achegal…

SCHLAND! SCHLAND! SCHLAAAAAAND!
Ende des Vorverochzs.

- Okay, okay. Der Restalkohol von gestern ist jetzt aus meinem Hirn entfleucht, das Zentrum für verwirrende, aber orthografisch korrekte Texterzeugung wieder einigermaßen funktionsfähig. Ich mag die Spanier, ich mag die Russen, die können beide sehr gerne Vizeeuropameister werden. Man muss im Fußball den anderen auch was gönnen können.

- Bei den Russen haben wir wieder das übliche Problem: wegen ihrer UEFA-inkonformen Runenschrift weiß kein Berichterstatter, ob er die Namen der Spieler richtig schreibt. Bestes Beispiel: Guus Hiddinks Nr.10. Bei mir hier drin und international da draußen heißt der Andrei Arshavin. Diverse deutsche Gazetten nennen ihn aber Andrej Arschawin – und das ist einfach nicht nett. Arsch-a-win, das hört sich an, als würde ein BILD-Überschriftenpraktikant mit seinem Englischweiterbildungskurs angeben wollen. Dabei zieht der kleine rotbackige Kerl nach Spielende das Gesicht immer so knuffig zusammen, als hätte er die 90 Minuten zuvor Heintjes „Mama“ in Dauerschleife hören müssen. Wenn er sich aber heute gegen Spanien einen Elfer erschwalben und ihn wie einst Antonin Panenka reinschubsen sollte, können wir nochmal über den Namen reden…

- Spanien ist die einzige Mannschaft im Turnier, die bisher kein Spiel verloren, ja in der Vorrunde sogar 4:1 gegen den heutigen Gegner gewonnen hat. Hauahauaha! Basierend auf wissenschaftlicher Tiefenpsychologieanalyse, einem Quäntchen Karmaberücksichtigung und meinem aktuellen Kaffeesatz orakele ich: die fliegen heute raus. Was ich wirklich schade finden würde, aber es kann halt nur einer gegen uns verlieren. In jedem Fall erwarte ich ein temporeicheres Spiel als das von gestern Abend. Und am Sonntag ist dann eh alles vorbei.

Nachbericht

- Ich eröffne die Nachberichterstattung mit einer Einsicht – ich und mein Kaffeesatz haben sowas von gar keine Ahnung. Deshalb heißt dieses Tagebuch auch so wie es heißt und nicht etwa „Udo Latteks sichere Tipps für den Gewinn der EM“. Aber einen Satz habe ich trotzdem, der die erste Halbzeit umschreibt und den ich hiermit für meine Bewerbung als Assistent von Steffen Simon vorstellen möchte, falls dem gerade mal wieder nichts anderes einfallen sollte, als darauf hinzuweisen, dass das Finale am Sonntag um 20:45 Uhr live in der ARD übertragen wird. Er lautet: „Die Witterung und der Gegner ließen in der ersten Hälfte kein besseres Spiel zu“. Alles drin und könnte glatt aus dem offiziellen Handbuch der Ausreden für unmittelbar nach Spielschluss von Reportern drangsalierte Profikicker stammen.

- Die Spanier haben meine Euphorie für das Finale (das übrigens von der ARD am Sonntag um 20:45 Uhr live übertragen wird) doch ein wenig gedämpft. Die Russen konnten zwar bis zur 50. Minute dagegenhalten, aber gegen den einen genialen Pass von Iniesta auf Xavi war nichts mehr zu retten. Schlimm, dass die Iberer sowas einfach aus dem Hut zaubern können.

- Danach hatte das Kombinat Lokomotive Moskau & Genossen keinen Dampf mehr im Kessel, meinem Liebling Arshavin hat es vorher schon in die Duracell-Batterien reingeregnet. Wo andere Teams eine Führung zunächst einmal verwalten, stürmen die Espanos erschreckenderweise munter weiter nach vorne. Auf der Ersatzbank lungern darüber hinaus bei denen spielende Perlen wie Daniel Güiza und Cesc Fabregas herum, die reinkommen und schnell mal ein Törchen mehr produzieren können.

- Fazit: das wird schwer am Sonntag (im Finale, das übrigens von der ARD usw. usf.). Die Spanier haben eine solide Abwehr, einen erwiesenen Elfmeterkiller im Kasten, ein Mittelfeld mit jederzeit zuschlagenden magischen Füßen und Stürmer, die ihre Chancen verwerten. Damit haben sie alle Vorteile in der Hand. Was bei dieser EM allerdings der große Nachteil werden kann. Stichwort Druckkulisse – vielleicht baue ich mir bis Sonntag eine um den Fernseher auf, um die Mannen von Aragones einzuschüchtern.





Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 17

25 06 2008

DEUTSCHLAND – TÜRKEI 3:2

Vorbericht

- Die Türken haben ohne Frage eine Nische im Fußball besetzt. Bisher war es auf der internationalen Bühne doch so, dass um die zwei gekonnt hereingestolperte Tore dem Gegner die Akzeptanz der Niederlage in Hirn und Bein trieben und ihn überzeugten, dass jetzt aber auch wirklich mal gut ist. In diesen Momenten setzte ich als Anhänger der hinten liegenden Mannschaft meist meine einzigen Hoffnungen auf einen zünftigen Torwartaussetzer nebst Anschlusstreffer – je peinlicher, desto besser. Obendrauf wünschte ich mir vielleicht noch einen Platzverweis für den besten Verteidiger. Bei den Comeback-Kids vom Bosporus ist aber alles anders: die fühlen sich pudelwohl, wenn sie hinten einen eingefangen haben, dann fängt das Spiel für die erst an.  Die Türken sind damit fußballerisch das Pendant zu einem frechen Lümmel, den man gerade übers Knie gelegt und den Hintern versohlt hat, der einem danach aber herzhaft mit Vollspann ein paar blaue Flecken ans Schienbein zimmert und mit ausgestreckter Zunge davonläuft. Michel aus Lönneberga war gestern, heute ist Emre aus Antalya.

Damit die Sache mit dem Hinten-einen-fangen auch sicher funktioniert, haben die Türken zunächst einmal den alten Strafraumclown Rüstü zwischen die Pfosten beordert. Strategischer Personalabbau wird schon im Vorfeld der Begegnung und nicht erst auf dem Platz betrieben, mich würde es nicht wundern, wenn Trainer Fatih Terim die letzten Minuten noch 3 Feldspieler rausholt, damit mehr Platz da ist. Ein perfides Durcheinanderschmeißen alt eingespielter Regeln.

- Wie gewinnt man nun gegen eine derart eingestellte Mannschaft? Trainerlegende George A. Romero hätte gesagt: „Typen, die ständig zurückkommen? Eine Portion Schrot in die Stirn gepfeffert und Ruhe is’“. Aber Schulterwaffen werden von der UEFA ja unverständlicherweise weiterhin nicht auf dem Platz zugelassen, obwohl sie sich bei osmanischen Freudenfesten als Stammgäste etabliert haben.

- Meinen ersten Tipp hatte ich ja schon unmittelbar nach dem Sieg der Türken gegen die Kroaten niedergeschrieben: einfach mal die Halbmonde das erste Tor schießen lassen und auf Verwirrungssynergien hoffen. Hätte auch den Vorteil, dass ich bei einem 0:1 entspannt auf die Couch sinken und sagen könnte: „Isch alles Taktik, der Jogi schlägt sie mit ihren eigenen Waffen, der alte Fuchs“.

- Zweiter Tipp: Spielerbezogenes Gegencomeback aufbauen. Ihr wisst alle, wen ich meine. 189 cm, Stürmer, zweiter Vorname Garcia, Trefferquote 0, Unterhaltungswert bei seinen bisherigen Einsätzen hoch (zumindest für gegnerische Verteidiger). Den Mann direkt zu Beginn bringen und 5 Sekunden vor Abpfiff unglücklich zum 1:0 anschießen lassen. Danach passiert nix mehr, damit kommt kein vernunftbegabter Spieler klar.

- Viel geredet und geschrieben wird natürlich über die Brisanz des Aufeinandertreffens der Fangruppen. Da bin ich schon sehr froh, im beschaulichen Saarland zu leben, dazu noch fernab einer größeren Stadt (obwohl sich die Begriffe Großstadt und Saarland eigentlich ausschließen). Als Reaktion auf türkische Siege packt hier der Dönermann vom Ende der Straße seine Sippe in den Auslieferwagen und tuckert sympathisch euphorisiert durchs Dorf. Ich steh dann schon wartend vor der Tür und rufe „Mehmet, alte Fleischrinde, wie habt ihr das denn wieder gemacht?“ und er lacht fröhlich zurück. Wenn wir heute Abend gewinnen sollten, gehen halt ein paar Leute rüber und nehmen die Dönerspieße über Nacht mit, damit er sich nichts antun kann. Südländer sind da ja sehr eigen, was Niederlagen angeht.

- Natürlich gab es im Saarland auch einen schweren Unfall im Zusammenhang mit der EM, wie die Saarbrücker Zeitung schockierend weitschweifig zu berichten wusste. Ein deutscher Fan hatte den Halbfinaleinzug gefeiert, indem er auf dem Beifahrersitz eines Cabrios stand und während der Fahrt vornüber auf die Straße gekippt war. Ergebnis: eine Gehirnerschütterung und diverse Prellungen. Für sowas Unspannendes findet sich bei den Türken aber bestimmt keiner, der das auf YoüTübe hochlädt. Was ich schreiben will: feiert, aber seid nett zueinander und wenn sich jemand als Ausdruck seiner Freude wirklich unbedingt verletzen möchte, dann bitte nur leicht und selbstverschuldet blöd.

Nachbericht

- Ich weiß nicht, ob es im Boxen den technischen K.O.-Sieg infolge moralischer Überrumpelung gibt, aber seit heute Abend weiß ich: im Fußball ist sowas möglich. F-I-N-A-L-E

- Dabei ging es gar nicht gut los. Nervös waren unsere Jungs, nix klappte, während die Türken tapfer noch vorne kombinierten und mir die Blässe ins eh schon blasse Gesicht trieben. Beim Lattenschuss durch Kazim Kazim hätte ich gar nicht genug Handfläche haben können, um mir die Augen zuzuhalten. Da schießt ein gebürtiger Engländer im Trikot der Türken fast ein Tor, ja wo sind wir denn?

- Knapp 10 Minuten später das 0:1. Mein trockener, kurzer Kommentar: „Verdient“. Erste Reaktion meines Bruders: „Ich hoff mal schwer, dass jemand von www.bundeschtrainer.de auf deinem Blog war und deine Taktiktipps übernommen hat“. In der Entstehung zwar glücklich bis ungewollt komisch, aber vom Spielverlauf her absolut in Ordnung gehend. Die Türken spielten wie die Kroaten, ich hab schon geguckt, ob der Robert denen heimlich ein Karomuster unter den Halbmond und den Stern auf dem Trikot gelegt hat. Wo wir bei Kleidungsstücken sind: ich ziehe meinen imaginären schwarz-rot-goldenen Cowboyhut respektvoll runter bis an die Schienbeinschoner vor diesen Türken, die wieder alle überrascht haben.

- Der Ausgleich wie aus dem Nichts. Genau deshalb beneiden beziehungsweise hassen uns die anderen Fußballnationen. Es läuft null, aber ein Angriff sitzt und das auch noch mit einer lässigen Außenristballanschnippelung, die einfach ausdrückt: „Rückstand? Na und, machen wir gleich mal nebenbei wieder wett“. Großartige Kombination zwischen Poldi und Schweini.

- Was mich genervt hat: die andauernde Schiri-Pfeifen-Simulation von den Rängen. Kann man das nicht unterbinden? Den original Triller vom Mann in Schwarz lauter stellen? Oder eine extra lizensierte Melodie abspielen lassen? Back in Black von AC/DC, Blackened von Metallica oder Stop in the Name of Love von den Supremes? Dann könnte man die Spassvögel im Publikum wenigstens wegen Urheberrechtsverletzung drankriegen.

- Wir lassen Sonden punktgenau auf dem Mars landen, aber von Basel zu mir ins Wohnzimmer kriegen die beim ZDF bei so einem wichtigen Spiel das Bild nicht auf die Röhre. Weil der Strom im internationalen Sendezentrum in Wien ausgefallen ist. Früher bei Aktenzeichen XY hat das beim Peter Niedetzky doch auch immer geklappt. Glücklicherweise haben die Nachfahren von Konrad Toenz ihren eigenen Kanal zur Verfügung gestellt. Was dem Urs Meier später wenigstens einmal die Anerkennung von Kloppo und Kerner eingebracht hat. Auf Eurosport lief übrigens Golf – den Kanal habe ich seit heute aus meiner Liste geschmissen, zu nix gut ist der.

- Nur hat dummerweise niemand dem Béla Réthy gesagt, dass er jetzt langsamer kommentieren muss. Da wäre der Poschi mit seiner altersbedingt eingebauten Wahrnehmungsverzögerung Gold wert gewesen. Für die Stimmung ist es natürlich doof, zwei Tore vorab in die Wohnung geschrien zu bekommen, wenn der Ball noch nicht mal den Fuß vom Flankengeber verlassen hat. Für das Elfmeterschießen wollte ich schon den Volksempfänger entstauben gehen.

- Klose mit dem 2:1 bestätigte wieder einmal wunderbar den Humor von Keeper Rüstü. Nix zu tun, aber immer für einen Gag gut. Blöderweise hat unser Lehmann samt Abwehr beim Ausgleich eine ziemlich gute Kopie des türkischen Keepers auf den Rasen gelegt.

- Aber dann, meine Herren! Der kleine Lahm, eben noch am Ausgleich beteiligt, doppelpasst sich eins mit Hitzlsperger und versenkt die Kugel pass- und zeitpunktgenau ins Netz. Das 3:2 türkischer als die Türken reingemacht, da muss doch Taktik dahinter gesteckt haben. Wahrscheinlich stand der Jogi doch vor Beginn der Partie an der Tafel und erläuterte die „Gegner in Führung gehen lassen, lässig ausgleichen, krassen Abwehrfehler zur Führung nutzen, Gegner rankommen lassen, kurz vor Schluss Siegtor machen, Gegner letzte Chance durch Freistoß geben und dann ganz lange Nase drehen“-Projektanordnung. Egal. Jetzt können die Russen oder Spanier kommen, die dürften uns vielleicht sogar ein wenig besser liegen. Die Türken können in jedem Fall hoch erhobenen Hauptes nach Hause fahren. Ich geh jetzt ermatteten und leicht beschwipsten Hauptes ins Bett.





Sneak Preview, Donnerstag 20:45 Uhr

24 06 2008

Diesmal ganz einfach von meinem Superhelden-Ego Ü-Man geklaut: für das Endspiel lässt er sich aber nicht so billig kaufen. Hat er mir fest versprochen.





Sneak Preview, Mittwoch 20:45 Uhr

23 06 2008

Angriff der Dönerkrieger
Star Wars Crawl.com entdeckt bei der wunderbaren Cara vom Grundwortamt

Edit: so schnell kann’s gehen, Star Wars Crawl.com wurde von LucasFilm dicht gemacht. Hier der Text, den ich zum weltbekannten Intro herunterscrollen ließ:

[Tää-Täää-Tä-Tä-Tä-Täää-Tääää]

Aufruhr ergreift das Königreich Schland – seine Einwohner bereiten sich auf den Angriff der osmanischen Dönerkrieger vor. Als unschlagbar gelten sie, erschaffen in den Labors des unerbittlichen Imperators Fatih und ausgestattet mit der unvorstellbar nervigen Kraft der Wiederkehr, wie man sie sonst nur von Star Wars-Filmen, -Serien oder -Spielzeugen seit 1999 kennt…

Alle Hoffnungen ruhen auf dem weisen Obi-Wan-Kenjogi und Prinzessin Hansi Organa, die sich auf die Suche nach dem einen Helden begeben, der sich der Invasion mutig entgegenstellt. Wird es der junge Luke Swinestiger, dessen Frisur bis dato als unverfilmbar galt? Oder Prinz „Hab-Solo-und-dann-Tor-gemacht“ Poldi mit der Macht der wenigen Worte und des tödlichen Schusses?

Keine Ahnung, ich guck am Mittwoch Fußball.





Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 16

22 06 2008

SPANIEN – ITALIEN 4:2 n.E. (0:0)

Vorbericht

- Der Urs Meier hat gestern im ZDF-Panel bereits erklären können, weshalb die Portugiesen, Kroaten, Niederländer ausgeschieden sind und die Spanier ihnen heute folgen werden: Weil alle diese Mannschaften im letzten Vorrundenspiel ihre B-Elf aufs Feld geschickt haben und die A-Elf in der Zeit beim Plantschen im Swimmingpool das Fußballspielen verlernt hat. Meier nennt das „fehlender Spielrhythmus“. Sowas kann aber auch verdammt schnell passieren: gestern noch schießt du die Dinger blind rein, tags darauf guckst du runter auf dieses seltsame runde Ding auf dem Rasen und fragst dich, von welchem deiner Extremitäten das jetzt wohl abgefallen sein muss. Diese Transformation kenne ich noch aus meiner aktiven Zeit. Wir nannten das damals aber „billige Ausrede“.

- Mein Herz und mein 210,70 Euro schwerer Geldbeutel in der Brusttasche knapp darüber schlägt natürlich für die Spanier, aber wenn die Italiener so furios aufspielen wie unsere Elf und die Russen, könnte ich mich auch mit denen zähneknirschend im Halbfinale arrangieren. Aber wir wissen doch alle, wie es laufen wird: Luca Toni macht aktiv oder passiv (Elfmeter) das 0:1, die Spanier kommen mit dem Rückstand nicht zurecht, Buffon holt hinten ein, zwei Unhaltbare raus, das Ergebnis hält bis zum Abpfiff während auf der iberischen Halbinsel ab 22:35 Uhr MEZ zum zweiten Mal in vier Tagen die Deiche brechen.

- Italien spielt ohne Andrea Pirlo – den Mann, der sich meinen Gesichtsausdruck nach dem WM-Sieg seines Landes ins Antlitz hat meißeln lassen. Auch nicht dabei: Gennaro Gattuso, von dem ich vor zwei Jahren erfahren habe, dass er sich die Haare von einem Mannschaftskameraden beim AC Mailand schneiden lässt. Weshalb er dann wohl auch nicht das Angebot vom Wurst-Uli angenommen hat, da muss man Prioritäten setzen.

- Spanien hat Italien – abgesehen von den Olympischen Spielen 1920 – noch nie bei einem großen Turnier geschlagen, wie ich soeben liebevoll aus dem Vorbericht von euro2008.uefa.com herauskopiert habe. Wobei Olympische Spiele anerkanntermaßen kein großes Turnier sind, denn sonst hätten wir die als Turniermannschaft doch mal gewonnen. Folglich können die Spanier heute Abend Geschichte schreiben. Meine Empfehlung: macht’s doch einfach.

Nachbericht

- Die ersten 45 Minuten waren ein Fest! Und zwar für Liebhaber von ineffektiven spanischen Kurzpass-Staffetten und italienischen Formationsläufen im Abstand von 2 Metern um den Ball. In der Halbzeitpause hatte ich mal wieder diesen Gedanken, dass man den Fortgang mancher Begegnungen einfach mal zum Call-In-Voting freigeben sollte:

Hey du! Auch gelangweilt? Lust auf Action, Fun’n'Party? Dann sims den geilen UEFA-Michel an und bestimme, wie es weitergeht! Wähle die

001 für „Alle Mann an den Elfmeterpunkt“ (CutTheCrap-Mix)
002 für „Nu lasst doch auch mal die Spanier gewinnen“ (Madres por Espana)
003 für „Zwei Italiener weg, damit Platz da ist“ (Olé olé, Mafia in der Umkleidé)
004 für „Holt Holland zurück“ (DJ Käskopp back in da house) oder
005 für „Rrruhe! Weiterrrrumpeln“ (LORD RASENSCHMERRRZ)

- In der zweiten Hälfte war das Ganze ein bisschen ansehnlicher, aber die Spanier wurden doch eher von der italienischen Mauer zermürbt denn umgekehrt. Dass sie allerdings nach der Aufzählung der letzten Pleiten durch Faktenmaschine Béla Réthy überhaupt noch zum Elfmeterschießen angetreten sind, verlangt einem Respekt ab.

- Mein EM-Held Daniel Güiza hat zwar vom Punkt verschossen, am Ende ist dennoch die bessere, weil deutlich bemühtere Mannschaft weitergekommen. Die Italiener konnten demgegenüber rätselhafterweise erneut keine Sympathiepunkte bei mir sammeln. Eigentlich tut es mir nur leid für Gianluigi Buffon, weil der immer nett ist und sogar den mürrischen Fandel angelacht hat. Obwohl: der hat auch erschreckend wenige Elfmeter für Spanien gepfiffen.

- Nach den letzten Begegnungen darf ich festhalten: wir sind schon mal Vierteleuropameister. Zumindestens bis Mittwoch. Bis dahin.





Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 15

21 06 2008

NIEDERLANDE – RUSSLAND 1:3 n.V. (1:1)

Vorbericht

- Als Hobbysoziologe möchte ich folgende Beobachtung zur Diskussion stellen:

Im Zuge der Wiedererstarkung des Schlandisierungs- gedankens wird die subliminal generierte Elftal-Sympathisierungsbewegung negativ beeinflusst, ja de facto konterkariert.

Will sagen: nach dem Sieg unserer Jungs im Viertelfinale finden plötzlich alle in meinem Bekanntenkreis die Holländer wieder doof und würden sich sowas von einen abgrinsen, wenn die von den russischen Rasenrobotern so richtig auseinandergenommen werden würden. Und das, obwohl vorher infolge der attraktiven Spielweise durchaus zarte Sympathiepflänzchen für unsere Nachbarn eingetopft wurden (siehe etwa hier).
Ist das ein Zeichen von Wahnsinn? Nein, DAS IST ‘SCHLAND!!!!

- Schadenfreude ist halt auch eine der deutschen Tugenden. Nach den Hochglanzportugiesen, die nach dem Abpfiff wie die Zeitung von vorgestern vom Platz getrottet sind und den Kroaten, die uns zwar geschlagen haben, aber nicht mal einen 1:0-Vorsprung gegen geschwächte Türken mit Vorwärtsbewegungsstörung für einen Zeitraum von 100 Sekunden halten konnten, wären die Oranjes der ideale nächste Kandidat zur Erweiterung der Reihe der gestürzten Favoriten. In der Vorrunde erst alles plattwalzen, um dann von 11 auf europäischen Festspielbühnen unbekannten und unglamorös frisierten Osteuropäern aus der Veranstaltung kombiniert zu werden. Damit wir Deutsche am Ende sagen können: „Freunde, es zählt erst, wenn’s um die Wurscht geht, vorher ist alles Käse“.

- Jetzt habe ich schon wieder nichts Nettes über die Russen geschrieben. Dabei waren das doch meine ersten Europameister der Herzen. Von der Partie gegen die Schweden habe ich ja nur Ausschnitte gesehen, weil parallel die Spanier meinen Geldbeutel noch mehr gefüllt haben. Den Arshavin fand ich aber richtig klasse. Der und dieser Pavlyuchenko wirbelten durch die Abwehrreihen wie Zylonen auf Speed, denen der Angriffscode

run
execute pass1
execute pass2
execute perfect shot into the far corner
activate emotion chip
gather for kick off
deactivate emotion chip
repeat

fest in die Platine eingebrannt wurde. Und nach dem Spiel blieb das Ermüdungsbecken leer und der Hiddink knippste reihum hinten die Schalter aus, bevor der Busfahrer alle Mann einsammelte und ins Lager stellte. Ein bisschen Angst machen die mir schon.

Nachbericht

- Ich schreib nix Schlechtes mehr über die Russen. Nein. Weil die mit jedem Spiel, wo ich sie vorab beleidigt habe, immer besser geworden sind. Am Ende schlagen die uns noch so im Finale. Seit heute ist alles möglich. Die Russen sind ganz toll. Basta.

- Zylonen sind die jungen Kerle allerdings doch noch keine, weil sie einfach zu viele Chancen auslassen. Hätten die die Effizienz der Italiener bei der letzten WM, die Holländer hätten schon frühzeitig mit den weißen Fahnen wedeln können. Aber wenn die Kiste getroffen wird, sitzt man als Zuschauer zuerst mal mit einem „wuswarndas?“ im Gesicht vor dem Fernseher. Wie der Pavlyuchenko die Hereingabe instinktiv zum 0:1 ins kurze Eck jagt, der Torbinskiy mit dem rechten Außenrist den Ball zum 1:2 hinter die Linie drückt und noch rechtzeitig dem Pfosten ausweicht (da war der rechte Fuß noch vorm Tor und der Rest des Körpers schon daneben), der Kolodin aus der Ferne draufhält, dass mir auf der Couch der Schlappen vom Fuß fällt – ich könnte noch stundenlang weitere geniale Aktionen aufzählen.

- Und die Holländer? Können nicht mal in Anspruch nehmen, dass sie in Schönheit gestorben sind. Erst wurden sie ihrer Leichtigkeit beraubt, haben dann den Respekt für den Gegner entdecken müssen (stand ja auch auf der Werbebande), um am Ende schlicht entzaubert zu werden. Welcher taktischer Kniff Marco van Basten allerdings geritten hat, in der Verlängerung komplett ohne rechte Abwehrseite zu spielen, wird sich mir als Laien so schnell nicht erschließen.

- Mir kamen die Holländer vor wie ein Boxer, der bisher alle Gegner K.O. geschlagen hat, plötzlich einen schweren Haken einstecken muss, aber den Rest des Kampfes weitertänzelt, um sich am Ende zu wundern, dass er verloren hat. Den Oranjes fiel auf das Konzept einer drohenden Niederlage einfach nix ein. So schnell kann Glanz stumpf werden, da hilft auch die gute alte Ajax-Schule nicht mehr.





Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 14

20 06 2008

KROATIEN – TÜRKEI 1:3 n.E. (1:1)

Vorbericht

- Na, auch gestern Abend Nationalstolz getankt und heute dementsprechend leicht verkatert? So geht es uns doch allen, schließlich soll man feste feiern, so wie Tore fallen. Oder so ähnlich. Ich bin im Kopf noch ein wenig verknittert, deshalb bitte ein wenig Nachsicht üben, was das Memorieren von Sprichworten angeht.

- Nationalstolz ist ein gutes Stichwort, denn die Teams, die heute Abend darum streiten dürfen, von uns im Halbfinale nach Hause geschickt zu werden, gehören zu den Großen in diesem Bereich. Da können wir Deutsche noch Jahre Fähnchen an unsere Autos fummeln, gegen die heimatverbundene Inbrunst der Kroaten und Türken kommen wir nicht an. Die gehen durchs Feuer, kämpfen bis zum letzten Mann oder humpeln auch noch mit gebrochenem Schien- und Wadenbein vors Tor, wenn es denn sein muss. Alles nur, um am Ende die Nationalfarben durchs Rund schwenken zu können. Während wir darüber diskutieren, ob der Trend zum Zweitfähnchen und der dadurch ansteigende Benzinverbrauch noch mit den aktuellen Benzinpreisen in Einklang gebracht werden kann. Aber ist das schlimm? Nein, denn: WIR SIND SCHON IM HALBFINALE.

- Ich guck mir das heute Abend ganz entspannt an. Egal, wer weiterkommt, ich freu mich drauf. Packen es die Kroaten, erleben wir die Neuauflage des Vorrundenspiels – diesmal aber in gut. Kommen die Türken weiter, harre ich mit einem Lächeln des Gesten- und Mimikfeuerwerks von Trainer Fatih Terim, wenn wir seine Jungs aus dem Turnier kicken. Einziges Problem: nach der Leistung gestern sind wir wieder in der Favoritenrolle. Aber der Jogi wird das understatementmäßig schon regeln. Schließlich haben uns die Kroaten schon geschlagen und die Türken den Heimvorteil…

- Den Türken ist nach den letzten Spielen so manches abhandengekommen. Der Torwart etwa sowie diverse Verteidiger und Mittelfeldspieler. Ich bin gespannt, was der alte Mann Rüstü noch drauf hat, meinen Erfahrungen nach ist der immer für einen Spaß zu haben. Zum Schluss noch der Wetter-Hinweis für Sport-Wetter: in Wien soll es am Abend nur unterschiedlich bewölkt sein, keine Aussicht auf Niederschlag. Vielleicht aber nach dem Spiel, wenn sich der verletzte Nationalstolz entlädt.

Nachbericht

- Entspannt anschauen wollte ich die Partie, so habe ich es weiter oben geschrieben. Das Geschehen auf dem Rasen war aber die allermeiste Zeit so entspannt, dass ich fast eingeschlafen wäre. Hätte ich nicht mantraähnlich das Ernst-Huberty-Zitat: „Ein Tor würde dem Spiel gut tun“ vor mich hin gebrabbelt, ich hätte die Augen nicht offen halten können.

- Nach exakt 12 Minuten und 45 Sekunden Spielzeit habe ich ihn gesagt. Den Satz, der mir schon kurz nach Anpfiff auf den Lippen lag: „Wir waren gestern aber besser„. Allgemeines Nicken in der Runde um den Fernseher. Selbst der Reporter schloss sich mir später an: „Mit dem Spiel der Deutschen kann diese Partie nicht mithalten„. Hat natürlich bis zur 22. Minute gewartet, in der wir gestern den Portugiesen das 1:0 eingeschenkt haben. Streber.

- Highlights in der regulären Spielzeit? In der 18. Minute die Doppelchance der Kroaten, die Tom Bartels an Mario Gomez erinnerte. Falsch, Herr Bartels. Ein echter Gomez ist es nur, wenn der Ball wegen Unfähigkeit nicht hinter die Linie kommt. Der erste Schuss ging an die Latte und der folgende Kopfball war schwer unterzubringen. Macht höchstens einen viertel Gomez auf meiner Wertungsskala. Daneben ließ der gute Rüstü in ein paar Szenen die Abwesenheit der englischen Torhüter kurzzeitig vergessen. Momente voller Schönheit.

- So langsam müsste aber mal jemand hinter die Taktik der Türken kommen. Die meiste Zeit vorne nicht mitspielen, aussichtslose Situation erschaffen, sich selbst für die nächste Partie dezimieren, um schließlich keck zurückzukommen und den Gegner mit dem Holzhammer eines späten Tores eine draufzugeben. Die Kroaten waren nach dem Ausgleich so fertig, da ahnte ich schon, dass im Elfmeterschießen was gebacken sein wird. Zweimal komplett am Tor vorbeizuhobeln ist aber auch eine Leistung.

- Ich bin ehrlich: den Kroaten hätte ich es ein wenig mehr gegönnt und der Klasnic wäre ein würdiger Held der Begegnung gewesen. Aber wer seine Chancen nicht nutzt und gegen die Türken mit dem Wahnsinnskampfgeist sich in der allerletzten Minute noch einen fängt, muss damit rechnen, nach Hause zu fahren.

- Für unsere Jungs habe ich jetzt schon einen Tipp: erneuter Systemwechsel und diesmal ohne Stürmer spielen, um eine Führung zu vermeiden. Das spornt Semih, Nihat & Co nämlich nur unnötig an. Stattdessen die Türken einfach mal den ersten Treffer erzielen lassen. Das dürfte sie so verwirren, dass sie sich den Ausgleich selbst reinschießen und am Elfmeterpunkt dann leichte, weil entnervte Beute sind. Aber auf mich hört wahrscheinlich wieder niemand…





Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 13

19 06 2008

PORTUGAL – DEUTSCHLAND 2:3

Vorbericht

- Heute ist der große Tag des Hans-Dieter Flick. Ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass unser Hansi mal den Versuch unternahm, von der Presse zumindest Hans genannt zu werden. Aber die rothaarige Lierhaus-Maus ließ sich einfach nicht von der Verniedlichungsform abbringen. Also zog sich unser aller Fußball-Assi zurück, verkündete der Presse, dass man ihn weiter wie einen Wellensittich rufen dürfe und sann auf Rache. Hatte er bisher doch noch nichts in der Hand, um die Frau endgültig zurechtzuweisen. Je einmal pro Halbzeitpause wenig Aufregendes wie „Wir müssen hinten mehr an den Mann, für Fritz kommt deshalb jetzt Kuranyi“ in die Mikros zu blubbern, reicht halt nicht als selbstbewusstseinsbildende Maßnahme. Aber heute wird der Flick nach dem Sieg über die Portugiesen im Supermann-Dress mit prall gefülltem Suspensorium einlaufen, die Lierhaus kingkongmäßig mit einer Hand hochheben und „HINFORT MIT DIR UND NENN MICH NIE WIEDER HANSI, WEIB!!!!“ in den Baseler Nachthimmel schreien.

- Die Urteilsbegründung für die Sperre von Jogi ist natürlich juristischer Firlefanz und in allen Belangen anfechtbar. Da wird unser geliebter Trainer als „fehlbar“ bezeichnet oder über die Bestücktheit des Schiedsrichters fabuliert – beides mindestens Beleidigungen, vielleicht sogar üble Nachrede oder Verleumdung. Und in der Tatsache, dass sich am Ende beide Trainer die Hand reichen, sieht man den Beweis für eine vorige Auseinandersetzung (Freundschaftsgesten sind der UEFA halt unbekannt). Hätten sie sich auf dem Weg auf die Tribüne mit Miniatur-Äxten beschmissen, hätte man die selbe Beweisführung daraus stricken können. Eine juristische Win-Win-Situation also.

- Wenn nicht heute Abend ein Satz in der Richtung von „Heute beginnt ein neues Spiel/Turnier/Team“ fällt, will ich Hansi heißen. Denn ab heute wird ausgeschieden – unabhängig von Nationalität, Spielkultur oder zuvor erreichter Meriten. Und in dem Bereich können wir ganz befreit aufspielen (noch so eine Phrase, die einfach kommen muss). Weil so vom stuhlumhauend doll haben wir die letzten Partien nun wirklich nicht gespielt. Na und? Gerade deshalb werden die Portugiesen weinen, wenn wir sie im Elfmeterschießen nach Hause schicken wie weiland die Argentinier bei der WM.

- Ich spar mir diesmal die Tipps, schließlich habe ich a) mit meiner letzten Empfehlung, eigene Freistöße zu verhindern, danebengelegen und b) soll der Hans selbst auf die Lösung kommen. Ich deute nur einzelne Stichworte aus der Heribert-Faßbender-Rezeptschatulle an wie „Gegner nicht ins Spiel kommen lassen“, „dazwischengehen“, „über den Kampf zum Spiel finden“, „Elfmeter üben“ und „Cristiano Ronaldo umhauen, wo immer man ihn trifft“. Okay, letzteres stammt aus meiner persönlichen Ratschlagsliste.

Nachbericht

- WUNDERBAR! SENSATIONELL! ÜBERRAGEND! Ich alter Schwarzseher hatte maximal auf ein Weiterkommen im Elfmeterschießen gehofft, aber Super-Hans hat den ultimativen Best of WM06-Mix aufs Feld geschickt und die Portugiesen aus dem Turnier gekegelt.

- Dabei war der Anfang so traurig: das Bild von Guantanamo-Jogi in der VIP-Lounge hat mir fast das Herz zerrissen. Ich habe schon an der Glühbirne geschraubt, die ich für den armen Kerl in seiner abgedunkelten Zelle spenden wollte. So kann man doch keinen Trainer behandeln!

- Beim 0:1 wurde das Siegtor gegen Polen bei der WM neu aufgeführt – Poldi odonkort wieselflink eine Hereingabe, die Schweini wunderbar hineinneuvillt. Weltklasse, den Portugiesen fielen fast die Augen raus.

- 0:2: Klose trifft mit gekonnter Schulter-Kopf-Kombination. Ein Tor, das zum Ausdruck brachte: „Hey, ihr Portugiesen mögt ja vorne am Boden Giganten sein, aber hinten in der Luft seid ihr so groß wie der durchschnittliche Südkoreaner mit Hut“.

- Der Anschlusstreffer zum 1:2? Natürlich bekannt aus der Klinsmann’schen „Rankommen lassen und dann noch mehr ärgern“-Taktikschule. Ich wollte gerade den Lehmann lobpreisen, da kickt der fiese Nuno Gomes den noch rein.

- Für alle, die es nicht mitbekommen haben: Andi ist der Ersatz-Hans in der Halbzeitpause. Wieder eine Kompetenzfrage abgehakt. In den ersten 15 Minuten kamen die Portugiesen, aber die Abwehr steht noch – Fußballgottesacker, der steinsichere Bart-Metz und der lässige Lehmann.

- 1:3: Ballack mit dem Kopf, wieder ist bei den Ronaldo-Jüngern hinten alles offen.
Die Vorarbeit unseres Kapitäns war übrigens kein Schubsen, sondern eine regulär körperbetonte Platzbeschaffungsmaßnahme, so ein guter Kopfstoß braucht auf internationalem Niveau halt seinen Raum.

- Mit dem 2:3 hatte ich nicht mehr gerechnet. Die Minuten zuvor hatten die Zauberer aus dem Süden, die Pass-Strategen, die Abwehrverwirrer nur noch lustlos Fernschüsse in den Himmel gebolzt. Aber es gehört halt dazu, den Gegner nochmal rankommen zu lassen, um ihm nach Abpfiff eine noch längere Nase zu zeigen.

- Jungs, ihr wart alle großartig, ich ziehe meinen Hut vor euch. So können wir Europameister werden. Darüber hinaus ist dank eurer famosen Leistung der Song der White Stripes „Seven Nation Army“ nun endgültig auch auf meinen Stimmbändern angekommen. Denn erstens passt er heute besonders (schließlich sind nun nur noch 7 Mannschaften im Turnier) und zweitens kann man wunderbar „Heul, Cristiaaanooo Ronaaaldoooo“ darauf singen.