Ende

Das war es nicht nur mit dem Bundestrainer und der DFB-Elf bei dieser Europameisterschaft, sondern auch mit dem kompetenzfreien EM-Tagebuch. Natürlich werde ich die weiteren Partien bis einschließlich Finale weiterverfolgen, aber nicht mehr darüber schreiben. Zu sehr sitzt die Enttäuschung in den Knochen und besteht die Gefahr, dass es eher missmutig langweilig denn spaßig kurzweilig wird.

Nach 15 Jahren (beginnend 2006 mit der WM) endet somit auch die Ära meines Geschreibsels zu WM- und EM-Endrunden. Es hat mir immer viel Spaß gemacht, seltsame Gedanken zu den Spielen zu entwickeln und zu Blog zu bringen. In den letzten Jahren hat sich allerdings gezeigt, dass im Netz kaum jemand noch längere Texte lesen möchte. Umso mehr mein Dank an alle, die in den ganzen Jahren trotzdem am Ball und an den Zeilen blieben.

Inishmore

Schweden – Ukraine 1:2

BEARBEITUNGSHINWEIS: UNZUTREFFENDES BITTE DURCHSTREICHEN

Nach dem souveränen Sieg der schandhaften Niederlage dem wieder einmal lockeren Elfmeterschießen der Deutschen konzentrieren wir uns auf ist mir doch scheißegal buhe ich weiterhin Richtung England und schaue die Schlappen Richtung Fernseher werfend die Partie Schweden gegen Ukraine. Wer hätte auch vorher ahnen können, dass der Engländer Tore schießen kann, Jogi mit Sané in der Abwehrkette überrascht, die Queen persönlich einen Elfer verwandelt, Werner alleine vor dem Tor trifft? Weshalb Jordan Sancho wieder nicht spielte nur Kaltgetränke servieren durfte weinend von den Eltern abgeholt werden musste, erschließt sich mir auch in der Nachbetrachtung nicht. Diese EM zeigt, dass alles möglich ist, alles scheiße ist, man sie besser direkt abgebrochen hätte, weil jetzt alle Covid haben mit Brechdurchfall.

Jetzt dürfte der Weg für die Deutschen die Schweizer die Außerirdischen von Beteigeuze endgültig frei sein in Richtung Finale Endsiegfondue verdienter Versklavung der Menschheit. In jedem Fall ein doppeltes „Hurra!“ „Läck mir am Tschöpli!“ „Willkommen, werte Besatzungsmacht!„. Bier Der gute Käse Der Kopf von Bundeskanzler Armin Laschet steht im Kühlschrank.


Glückwunsch an die Ukraine, bei Schweden war ein Forsberg trotz starker Leistung nicht gut genug. Offenes Spiel, nach dem Platzverweis für Danielson und in der Verlängerung lief aber lange nichts mehr zusammen. Als alle schon für das Elfmeterschießen bereit waren, trifft Dovbyk nach einer Flanke von Zinchenko. An die Namen muss man sich auch erst mal gewöhnen. Vielleicht auch während des Spiels gegen die Engländer.

England – Deutschland 2:0

„Oppa? OPPA, wir müssen reden. Mach dieses furchtbare „Äääääässääääässs Heeiiii„-Geheule aus und komm gefälligst runter!!!“. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass es ein schwerer Fehler gewesen war, mit meiner Enkelin Khaleesi Kunigunde die jüngeren Endrunden-Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und England im Fußball durchgegangen zu sein.

„Das Kind sitzt in seinem Zimmer und heult wie ein Springbrunnen! Brabbelt etwas von rollenden deutschen Panzern, Battle of Britain, kein Fußbreit dem Tommy und jeder Tritt ein Britt. Was erzählst du für einen Scheiß?“

„Also, das mit den Panzern kramt die englische Presse immer raus, von uns kommt das nicht. Mit Battle of Britain meint man die Luftschlacht über England im Jahre 1940 und nicht das Fußballspiel England gegen Schottland, wie hierzulande oft geschrieben wurde. Sogar der Autor dieses ansonsten absolut korrekt kompetenzfreien EM-Tagebuchs hat das einfach übernommen, obwohl der bestimmt noch ein paar alte Weltkrieg-Flugaction-Sims für den PC auf seinem Pile of Shame rumliegen hat, der junge Lauser! Kritischer Umgang mit Journalismus und nicht einfach T-Online News abpausen, so wichtig heutzutage! Der Rest sind, ähem, historisch korrekte Schlachtrufe? Geschichtsbewusstsein, so wichti..“

„Weshalb bitteschön darf die Kleine nicht mehr Jack Grealish anhimmeln, sondern stattdessen nur noch Goldknie-Bodo, Poserboy Andy, Kämpferherz Kuntz und Kontergott Müller?

„Das sind bedeutende historische Persönlichkeiten, keine Schönlinge mit drapiertem Haar und Instagram-Herzchen. Goldknie-Bodo Illgner hat uns 1990 im Elfmeterschießen gerettet, Poserboy Andy Möller 1996 in Wembley daselbst den schönsten Elfer verwandelt. Und wenn du wüsstest, was der Stefan Kuntz sich damals von den Engländern wegen seines Namens hat anhören müssen – aber der hat drauf geschissen und das wichtige 1:1 erzielt, nachdem wir schon ganz früh hinten lagen. Ich sage nur vulgär für Venushügel samt Anhang, aber nicht mit V und in Mehrzahl! Da würden dem schönen Jack die Strähnchen abfallen und er direkt weinend vom Platz rennen. Schließlich Müller, Achtelfinale 2010, beim 4:1. Erst kick and crush baby und dann sauber weggekontert, hach! Auch ein sehr attraktiver Mann, der Müller. Knochig, sehnig, bajuwarisch hallodrihaft. Okay, man muss drauf stehen, ein Sonderfall.“

„Hast du wenigstens nicht nur einseitig die Deutschen in den Himmel gehoben?“

„Klaaar. Etwa wie der Engländer uns in der Quali zur WM 2002 mit 1:5 in München weggehobelt hat. Die haben daraufhin sicherheitshalber das Olympiastadion abgerissen, damit das nicht nochmal passiert. Spoiler: Wir kamen in Südkorea/Japan bis ins Finale, der Engländer flog im Viertelfinale raus. Oder das 0:1 bei der EM 2000, ganz schlimm! Da hätte ich denen wirklich gegönnt, über die Vorrunde hinauszukommen. Sollte halt nur nicht sein.“

„Oppa, du gehst jetzt hoch und bringst das wieder in Ordnung!“

„Okay, okay. Gucken wir halt ein paar TikTok-Videos, wie David Beckham den einen Elfmeter verschießt und montieren den Kopf eines abwechselnd lachenden und weinenden Jack Grealish oder Phil Foden drauf“

„OPPPA. WEHE!“

„Ach, da fällt mir ein: Ist Kylian Horst Heiner schon wach?“

„Nein. Warum?“

„Mein Tipp: Lass den Buben heute aus der Kita. Kinder können grausam sein“

Wie dieser charmante Rückblick verdeutlichen möchte, haben wir gegen die Kicker von der Insel immer gut ausgesehen, wenn es um die Wurst ging. Und heute geht es um die Wurst, denn danach steht im Viertel- und Halbfinale eher leicht Verdaulicheres an, wenn man nach dem Namen geht. Immerhin: Als große Fußballnation können wir uns nicht mehr blamieren, das hat der Franzose schon erledigt. Meine Bitte: mal nicht früh in Rückstand geraten. Nicht dem gerade schwer angesagten Trend folgen, sich einen Zwei-Tore-Vorsprung noch nehmen zu lassen. Dem Engländer von Herzen ein paar Lattentreffer gönnen. Jadon Sancho kaltstellen, so ihn Southgate wirklich als Überraschungsgast bringen sollte. Ansonsten: Einfach mal ohne Drama gewinnen.


It’s over. Das war’s Jogi, das war’s Deutschland. Insgesamt ein enttäuschendes Spiel der DFB-Elf. Weil man sich einfach zu wenig getraut, zu wenig riskiert, es nicht darauf angelegt hat, die Engländer zu schockieren. Sondern auf Sicherheit gespielt und auf ein Weiterkommen mit der einen verwandelten Chance gehofft hat. Die hatte aber der Engländer eine Viertelstunde vor Ende, welche Sterling zum 1:0 nutzte.

Klar hatten die Deutschen auch Chancen; Werner scheitert an Pickford, Havertz bringt einen strammen Schuss aufs Tor und Müller hätte das typische „Der Deutsche kommt doch noch zurück“-Tor machen müssen, das den Engländern den richtig tiefen Stich ins Herz versetzt hätte. Insgesamt aber doch zu wenig. Es fehlte das Glück, um sich wieder die Auszeichnung „Turniermannschaft“ zu verdienen, allerdings eben auch der Mut.

Jetzt sind wir Schweizer. Oder Dänen.

Frankreich – Schweiz 7:8 (n.E.)

Ich fasse mich kurz, denn ich muss gleich noch stundenlang eine wattstarke Nicht-Energiespar-Glühbirne für die Küchenlampe suchen, sonst wird heute Abend im Dunkeln schnabuliert werden müssen.

Es war mal der Franzose
Baguettedick spannt die Hose
Der Schweizer zückt das Messer
Sticht Ösi-like, nur besser
Und fertig war die Chose

Alles drin. Der erwartungsschwangere Franzmann. Der Schweizer, der den Nachbarn gerne mindestens so ärgern würde wie der Österreicher den Italiener. Erotik. Kastrationsfantasien. Mehr kann und darf man von diesem Tagebuch als Leser einfach nicht erwarten.

Morgen erzählt der Oppa dann wieder ausführlicher über den Krieg gegen den Engländer. Wird auch unangenehm.


BLAS MER ID SCHUEH! DA GAHSCH ABE! LÄCK BOBI! HEITERE FAHNE!

IHR HABT DOCH EINEN RAPPEL! Die Schweiz wirft den Weltmeister raus. Aber wie! Im E-L-F-M-E-T-E-R-S-C-H-I-E-S-S-E-N! Kackfrech köpft Seferovic früh ein, weil Lenglet pas de boc hat, ins Luftduell zu gehen, sondern lieber untertaucht. Tapfer verteidigen die Eidgenossen, bekommen einen Elfmeter, aber Rodriguez verschießt.

Dann packt der Franzose Benzema aus. Nutzt die Entmutigung der Schweizer, dreht innerhalb von zwei Minuten das Spiel. Allein, wie die #19 sich den Ball zum Ausgleich selbst vorlegt – exquisite! Und köpft dann lässig noch eine Flanke von Griezmann ein. 59 Minuten durch, die Schweiz am Boden.

Pogba zimmert fast aus dem Stand einen Ball oben in den Winkel. 75. Minute. Schweiz tot.

Aber Frankreich scheint auf Verteidigen keine Lust mehr zu haben, sondern will Champagner schlürfen. Seferovic darf wieder köpfen und den Anschluss erzielen. Gavranovic erzielt das 3:3, steht jedoch im Abseits. Na und? Schießt der Junge halt noch eins nach Pass von Xhaka und viel, viel Platz. Wahnsinn. Hat denn kein Franzose Kroatien gegen Spanien gesehen? Coman trifft kurz vor Abpfiff der 90 Minuten noch fulminant die Latte.

Verlängerung, es geht hin und her, der Franzose will es wissen, der Schweizer läuft auf der letzten Rille. Sommer rettet gegen Pavard. Und dann im Elfmeterschießen gegen Mbappé, nachdem zuvor alle Schweizer Schützen getroffen hatten. Sensationell. Fluch besiegt, Trauma besiegt, die Schweiz versinkt im Taumel der Glückseligkeit. Und mir tun Leute leid, die bei einer EM nur die Spiele der Deutschen gucken, denn heute haben sie zweimal absoluten Spitzenfußball mit Drama, Wahnsinn und Leidenschaft verpasst.

Kroatien – Spanien 3:5 (n.V.) (o.E.)

WR MSSN JTZT! Seit gestern ist für mich klar: Wir müssen jetzt. Mindestens ins Finale kommen. Kurz dem Engländer ein neues Trauma verpassen und danach ab in die nordische Entspannungskombo Schweden/Dänemark, ehe im Finale die Schweiz wartet, aber die knacken wir schlimmstenfalls im Elfmeterschießen. Ich habe es letzte Nacht deutlich im Traum gesehen, wie Yann Sommer gesenkten Hauptes den souverän in die Ecke fußgerollten Ball von Manuel Neuer über die Linie passieren lassen muss. Woraufhin 82 Millionen Deutsche zufrieden nicken und ihre 23 EM-Spielplaner ausfüllen und abheften. Kann nicht schiefgehen. Ich träume gerne allerdings auch kompletten Quatsch.

Kroatien und Spanien sind noch im Turnier? Ach was. Hätte ich nach 2/3 der Vorrunde jetzt nicht so fest auf dem Schirm gehabt. Für mich klar die Partygäste, von denen keiner mehr so recht weiß, wer sie überhaupt eingeladen hat. Aber schön noch die Bar leersaufen, bevor nach Hause gewankt wird! „Hello, my name is Luka, I have shot the one goal more“, lallt Modric und signiert lässig Autogrammkarten von Beatrix von Storch, ein einträgliches Nebengeschäft des kleinen Kroaten. Einmal kurz explodiert und schon wieder voll dabei. Heute nicht dabei sein wird allerdings Ivan Perisic, der zum 3:1 gegen Schottland nachlegte.

Der Spanier hingegen erzählt während des Kippelns die irre Geschichte, wie er mit traumwandlerischer Sicherheit keinen einzigen Elfmeter verwandelt hat und trotzdem mit 5:0 weitergekommen ist. Weil er nun mal auf die Eigentore der verwirrten Slowaken gesetzt und dieser prompt handwerklich einwandfrei abgeliefert hat. Was ein schwieriges Kunststück werden sollte, wenn der Schiri am Abend zum Elfmeterschießen pfeift. Währenddessen schmeißt sich der hackedichte Martin Dubravka gemeinsam mit Tomislav Piplica das nächste Whiskeyglas über die Schulter und brüllt „Bránka“, was wohl Tor auf Slowakisch heißen dürfte.

Wer weiterkommen soll? Weißnic. Der Sieger ist eh nur eine souverän genommene Hürde für die Schweizer.


Da kann der Ami noch sehr auf den Fußball herabschauen, aber wegen der Eigentore kann Basketball oder Football einfach nicht lustiger sein. Spaniens Keeper Unai Simon mit einem beeindruckenden Exemplar.

Was von dem Spiel in jedem Fall bleiben wird, ist der halbhohe Rückpass eines Spaniers auf seinen Torwart – eine knappe halbe Stunde nach dessen Eigentor.

Dazwischen und danach bietet der Spanier in einem überragend schön anzusehenden Spiel alles, was man dem zahlenden Zuschauer geben kann: Rückstand ausgleichen, in Führung gehen, den Gegner mit einem weiten Schlag bloßstellen, weil der gerade seine Wasserflasche noch abgegeben hat, sich noch sauber einen aus dem Gewusel reinknauben lassen, damit es spannend bleibt und zum Schluss gar das 3:3 fangen, weil ein Kroate vogelwild und frei einköpfen kann.

In der Verlängerung sehe ich Menschen, die tränenüberströmt ihre Taktiktafeln zu Kleinholz hacken, so wild geht es hin und her. Kramaric mit einer Hundertprozentigen, dann schlägt Spanien mit Morata und Oyarzabal eiskalt zu.

Ich hatte 4:5 nach Elfmeterschießen getippt. Aber wozu Elfmeter, wenn man fast dasselbe Ergebnis schon nach 120 Minuten aus dem Spiel heraus erzielen kann? Immerhin dürfte den Spanier im Verlaufe des Turniers ab jetzt nichts mehr schocken.

Belgien – Portugal 1:0

Ich habe Belgien als Europameister getippt. Sicherlich nicht die hippste Vorhersage, aber ich stehe dazu. Wenn es die DFB-Auswahl nicht schaffen sollte (und ich befürchte, wir werden wegen unserer luftig-lockeren Defensive an Schweden oder der Ukraine scheitern), kann es der Pommeskicker gerne machen. Die hatten den Titel bisher noch nicht, spielten in der Vorrunde einen guten Ball, ich mag den Romelu Lukaku (der grüßt so nett seine Mitspieler), den Kevin de Bruyne (der schwitzt und läuft so schön rot an, wenn er pumpt), die Abwehrrecken sind fast in meinem Alter – wie kann man die nicht mögen?

Portugal hingegen, tja, ich sage Nein zu Portugal. Nicht nur wegen CR7, der zwar Rekord um Rekord bricht und wahrscheinlich bester Torschütze werden dürfte und dazu des Titels „unsympathischster Gockel des Turniers“ bei dieser Veranstaltung verlustig gegangen ist. Der kann bei den nächsten beiden Europa- und Weltmeisterschaften gerne nochmal sein Glück versuchen. Erschwerend kommt hinzu, dass die Portugiesen sich 2016 durch die Vorrunde gemogelt, kein Spiel gewonnen und in den Ausscheidungsrunden nur die Partie gegen Wales im Halbfinale innerhalb 90 Minuten siegreich zu Ende geführt haben. Überhaupt die Gegner damals bis zum Finale: Kroatien. Polen. Wales. Also ehrlich, das geht doch nicht.

Zumindest nicht noch einmal. Denn wer immer auch weiterkommen wird, danach stehen die Italiener im Viertelfinale, möglicherweise die Franzosen und schließlich wir oder die Niederländer an. Da kann niemand behaupten, dass man sich durchgeschummelt hat. Anders als freilich der Engländer, jedenfalls werde ich das als Oppa meinen Enkeln so erzählen, wenn er sich am Dienstag gegen uns durchsetzen sollte.


Der alte Mann und das Tor mehr. Nicht CR7, nicht de Bruyne (der leider kurz nach der Halbzeit raus musste) oder Lukaku prägten die Partie, sondern Thorgen Hazard mit seinem fies abdrehenden Schusskunstwerk zum entscheidenden Treffer und die belgische Abwehrreihe reiferen Kalibers, die die Angriffe der Portugiesen wegzuverteidigen vermochte. Ein bisschen Glück, ein bisschen Thibaut und viel Kampf, aber auch Krampf.

Der Titelverteidiger andererseits ist draußen und war diesmal auf der Seite jener, die er vor 5 Jahren noch ähnlich aus dem Turnier gekegelt hat, als ihm der entscheidende Schuss des Spiels gelang. Karma nimmt auch keine Rücksicht auf Superstars.

Niederlande – Tschechien 0:2

Ich gestehe: Zu dem Spiel wollte mir nicht sonderlich viel einfallen. Weshalb es der ursprüngliche Plan war, einfach mal den offiziellen Vorbericht auf uefa.com hier reinzupausen. „Merkt doch eh keiner“, dachte ich mir. Aber, schmiert mich von Kopf bis Fuß mit Käse ein, ruft Pan Tau und Luzie, den Schrecken der Straße, um einmal schweigend bzw. lachend mit dem Fahrrad über mich drüberzufahren: Die Tagesvorschau genannten Berichte dort lesen sich zum Einschlafen dösig. Als hätte ein depressiver Bot die Google-Feeds zusammengeklöppelt und noch als Krönung die uninteressanteste Statistik angeflanscht.

Jaroslav Šilhavý war Co-Trainer, als sich die Tschechische Republik von einem 0:2-Rückstand erholte und in der Gruppenphase der EURO 2004 die Niederlande noch mit 3:2 besiegte. Wow. Geil. Alle bitte kurz Platz machen, ich komme!

Tschechien ist hartnäckig, wurde eines der drittbesten Teams, ihr dreifacher Torschütze Patrick Schick hat gezeigt, dass auch er für die Entscheidung sorgen kann. Georgino Wijnaldum hat bereits dreimal getroffen, Denzel Dumbfries stellte die gegnerische Abwehr mit zwei Treffern ebenfalls vor Probleme. Oft träume ich von Siri, aber die dumme Schlampe will nichts von mir wissen. Ich hoffe, meine Bewerbung bei Cyberdyne Systems findet großen Anklang. Bitte beachten Sie das im Anhang beigefügte Lied: The humans are dead. The humans are dead. We used poisonous gases. And we poisoned their asses. Binary solo: 000000100000100000011111100000.

Eigentlich will ich nur wissen, ob die Niederlande heute auch ihr Abkackspiel bei dieser EM haben, mit dem sie ihren Favoritenstatus verlieren. Wie Italien gestern, Frankreich gegen Ungarn oder Spanien gegen Schweden. Tschechien? Mir weiterhin egal.


Ähem, jetzt muss ich mir zu den Tschechen wirklich was einfallen lassen. Ich hatte die ja von Anfang an auf dem Schirm, ähem. Holes und Schick nutzen eiskalt ihre Chancen, nachdem die Elftal zur Zehntal wurde. Okay, können wir uns schon mal nicht mehr in diesem Achtelfinale blamieren. Die Niederlande schaffen es hingegen wieder nicht, ein perfektes Turnier zu spielen.

Italien – Österreich 2:1 (n.V.)

Ganz Österreich wittert die Sensation. Ganz Österreich? Nein. Eigentlich nur Franco Foda. Vielleicht noch ein paar Spieler aus dem Team, auf die er lange genug eingeredet hat. Der Rest? Naaaaa. Ja küss‘ die Hand, Italia, Glückwunsch zum Freilos ist da eher herrschende Meinung.

Kein Wunder, denn die Österreicher bestreiten seit 67 Jahren das erste Mal wieder ein K.O.-Spiel im Rahmen einer Endrunde. Damals waren die Ungarn der heißeste Scheiß im Fußballzirkus, Theodor Heuss Bundespräsident und stand es Unentschieden nach der offiziellen Spielzeit, gab es Wiederholungsspiele, Münzwurf oder Duell mit zwei leichtkalibrigen Pistolen auf freiem Feld bei dreißig Fuß Abstand. Okay, letzteres war ein Scherz. Ist aber halt auch verdammt lang her.

Austrias Keeper Daniel Bachmann sieht seine Chance im Elfmeterschießen. Gilt er doch bei seinem Heimatverein Watford als Elfmeterkiller. So hat er etwa im Ligapokal im September gegen Oxford gar alle drei Versuche des Gegners gehalten. Stramme Leistung, Bursche! Aber Oxford? Rudern die nicht eher? Sind das nicht Engländer? Und sind die nicht eher schlecht im Elfmeterschießen? Ich frag ja nur…

Italien. Viel zu gefährlich im Angriff. Kann ich immer noch nicht nachvollziehen. Früher waren das die kaltschnäuzigen Schlitzohren, die dir den einen entscheidenden Treffer reingemümmelt haben und den Rest des Spiels kaltlächelnd auf den Abpfiff oder die Aufgabe des Gegners warteten – je nachdem, was zuerst eintrat. Die spielen jetzt Hurra-Fußball? Na gut. Vielleicht ist ihnen im Gegenzug die Killermentalität abhandengekommen und eine Mannschaft des verbleibenden Turnierbaums kann das für sich ausnutzen. Aber hey, doch nicht die Österreicher.


In Österreich ist man ja besonders stolz auf Namenszusätze und Titel. Das n.V. nach dem Ergebnis dürfen die Österreicher mit allergrößtem Respekt von nun an im Namen tragen. Zu Beginn die Italiener mit einer Offensive überrascht, dann lange gut verteidigt und in der zweiten Hälfte schließlich die Italiener sehr, sehr unangenehm bespielt.

Wer weiß, wie das Ganze gelaufen wäre, hätte das Tor von Weltklasse-Arnautovic gezählt. Ich gestehe, ich hab’s ihm nicht gegönnt. Wie der, als der Ball hinter Linie war, wieder alles im Umkreis von 20 Metern Sichtweite durchbeleidigt hat – kann ich nicht ab.

Zwei Treffer in der Verlängerung, eigentlich das Kobayashi Maru des Fußballs, da zurückzukommen. Aber Schaub und Sabitzer mit Chancen, um das Ergebnis zu korrigieren. Letztlich trifft nur der für Stuttgart spielende Kalajdzic. Der Anblick, wie die Italiener jedoch am Ende zittern mussten – da muss man vor Österreich den Hut ziehen. Raus mit Applaus, die Herren!

Wales – Dänemark 0:4

Jogi Löw: „Ich dachte nie ans Ausscheiden“. Was sich letzten Mittwoch nach dem Spiel gegen die Ungarn noch wie ein kraftvolles Testimonial des Bundestrainers für die gute, alte Herrenwindel anhörte, dürfte für alle verbliebenen Teams ab heute der stetige Gedanke sein. Denn von jetzt an heißt es Abflug, auf Wiedersehen, zurück zu Weib und Kind und bitte verlassen Sie umgehend das Mannschaftshotel, wir legen keinen Wert mehr auf Ihre Autogrammkarten, sollte am Ende nicht ein Tor zusätzlich auf der Anzeigetafel stehen als beim Gegner.

Oft wird aus dieser Alles oder Nichts-Endgültigkeit der Gedanke einer neuen, weitaus spannenderen Phase des Turniers heraufbeschworen. Was sich spätestens beim ersten krampfhaften 0:0 nach 120 Minuten auflöst, weil sich bereits ab der 65. Minute keines der Teams mehr wagt, einen gefährlichen Pass nach vorne zu spielen. Sicherlich trägt ein Elfmeterschießen einen gewissen Thrill in sich, mir selbst würden bereits nach einem Schritt Anlauf die Knie wie Quarktaschen zu Boden sinken; wenn aber am Ende die beiden Torhüter gegeneinander antreten müssen, stelle ich mir schon die Frage, ob das noch etwas mit Fußball zu tun hat. Im Eishockey humpeln die Keeper beim Penaltyschießen ja auch nicht schweren Schrittes mit dem Stock und der Fanghand aufeinander zu.

Zur Einstimmung auf Wales gegen Dänemark präsentiere ich:

Erdogan, Putin und ein Waliser treffen auf Gevatter Tod. Fragt der Sensenmann den Waliser nach seinem letzten Wunsch. Dieser antwortet: „Ich habe meine Mutter immer geliebt, ich würde sie gerne noch ein letztes Mal sehen. Der Sensenmann nickt und wendet sich mit seiner Frage an Erdogan, der trotzig entgegnet: „Ich will, dass der Waliser seine Mutter nicht mehr sehen kann“. Und Putin schließlich: „Macht ihr schon mal, ich warte noch, bis ein Däne kommt“

Ein furchtbarer Witz, von dem ich mich umgehend distanzierten möchte. Als wäre Erdogan so verzweifelt, weil er immer noch nichts gefunden hat, was er aus Wales verbieten könnte. Widerlich. Und Putin würde doch nie persönlich auftauchen, sondern jemandem vom KGB schicken. Bei mir haben beide Teams Sympathien im Lauf der Vorrunde erlangt, aber wenn ich ehrlich bin: Wegen Dänen würde ich mich noch ein bisschen mehr freuen, sollten sie ganz weit kommen.


Souveräner und letztlich auch deutlicher Sieg der Dänen. Zwei Tore Dolberg, kurz vor Ende noch Maehle und Braithwaite. Ansonsten? Ich habe mir eine Axt gekauft. Um dem Wildwuchs im Vorgarten etwas Einhalt zu gebieten. Nicht spannend? War das Spiel spätestens nach dem 0:2 ebenfalls nicht mehr.

Deutschland – Ungarn 2:2 / Portugal – Frankreich 2:2

Wenn es denn wirklich noch in die Hose gehen sollte, war wenigstens das Lied bereits fertig. Der DFB ging vorbereitet und akribisch vor, was den offiziellen Abschiedssong für Jogi Löw anbelangte. Man setzte sich mit dem Who is who der deutschen Musiklandschaft in Kontakt, trotzdem gestaltete sich die Suche schwierig: Giovanni Zarella und Florian Silbereisen scheiterten wie gewohnt an der Mindestqualitätskontrolle, Helene Fischer gab an, doch bitte „nur über schöne und erfolgreiche Menschen“ singen zu wollen, Nena zögerte, da sich das dritte Auge des Bundestrainers noch nicht geöffnet hatte und der Dauerbewerber seit 2010, Till Lindemann in Selbstbegleitung an der tiefergestimmten Triangel, wollte urplötzlich nur noch auf russisch brunften.

Am Ende fiel die Wahl auf den langzeiterfahrenen Musiktöter aus Tötensen, Dieter Bohlen, der sich bereit erklärte, noch direkt im Anschluss an das Nachspiel-Interview am perlweißzahnweißen CASIO-Keyboard stehend seine Ballade zu trällern. Einen Song, der peinlich, stümperhaft und schlecht kopiert war und deshalb zu seinen besseren Werken zählen durfte. Stark angelehnt an den Udo Jürgens-Klassiker „Der Mann mit der Mütze geht nach Haus“, mit dem einst Helmut Schön nebst Gemahlin verzaubert worden waren, ging er so:


Die Hand sanft ans Gemächt gelegt
So sah’n wir dich sehr oft
Das Aus, das jeden schwer aufregt
Es kommt ganz unverhofft
Jetzt stehst du hier am Spielfeldrand
Der Ungar wollt‘ es mehr
Du brachtest uns um den Verstand
Einst liebten wir dich sehr
Der Mann ohne Scheitel geht nach Haus‘
Die lange Zeit desch Jogi, sie ist aus
Der Mann ohne Scheitel geht nach Haus‘

Und unseren Anschiss nimmst du mit
Mit uns fliegst du auch raus

Ich spiele ungern den Mahner und Spaßverderber, aber: Freunde, bei aller Euphorie nach dem Sieg über Portugal, das Ding ist noch nicht durch. Gegen die Ungarn wird es ein ganz anderes Spiel. Selbst der Jogi geht davon aus, dass es zäh werden kann. Die werden sich hinten reinstellen und hoffen, uns in der Nachspielzeit nach einem Eckball einen reinlullen zu können. Und für einen bis zwei sind wir hinten leider immer gut.

Mir gefällt es auch nicht, dass wir von dem traditionellen Vorrundenspiel-Performancewertigkeits-Ritual abgewichen sind. Erstes Spiel: aber hallo. Zweites Spiel: uiuiui bis bäh. Drittes Spiel: ausreichend. Das hatten wir zuletzt 2018 nicht durchgezogen und wir alle wissen, was dabei herausgekommen war. Auch blieb der DFB-Auswahl bisher das gute Gefühl der ersten Führung verwehrt, was immer beruhigend wirkt. Okay, ’54 beim letzten Aufeinandertreffen mit den Ungarn in einem Turnier lagen wir sogar 0:2 hinten, aber das ist halt arschlang her. Damals war ich noch nicht mal auf der Welt und ich bin alt!

Mein Ratschlag, den sogar Sebastian Schweinsteiger als edgy und gewagt einordnen würde: Zeitig in Führung gehen. Besser gleich 2:0, siehe Argumentation am Ende des vorletzten Absatzes. Gemütlich zusehen, wie dem Portugiesen die Düse geht, falls der Franzose ihm ein paar Törchen einschenkt, weil es dann nämlich knapp wird mit seiner Teilnahme am Achtelfinale. Sollte es für Müller nicht reichen, wird es Goretzka richten. Denn der sprach selbstbewusst die Worte „Ich traue mir die Rolle zu“ und das ist ein Satz, mit dem schon Arjen Robben und Neymar ihre Weltkarrieren gestartet haben. Damals ging es aber eher um ihre erste Begegnung mit einem Verteidigerbein.

Ihr wollt über Portugal gegen Frankreich informiert werden? Dann holt euch jetzt noch Magenta TV und hört das herzhafte Lachen der Bestellhotline-Mitarbeiter, denn das ist das letzte exklusive Spiel des Senders. Ansonsten: Komplett irrelevant, es sei denn, wir brauchen einen Sieg der Franzosen, um uns noch auf Platz 3 zu hieven. In dem Fall ist eh alle Hoffnung verloren.


„Autokorso? Nein, lass mal gut sein, mir fehlt die Kraft zum Hupen“. Ein Spiel, das Körper und Geist geschlaucht hat. Burschen, ihr seid nochmal gerade so davongekommen.


Alles Sätze aus dem WM-Tagebuch nach dem Spiel Deutschland – Algerien 2014 und ich würde jeden davon wieder unterschreiben. Wenn jemand ein Drehbuch für diese Partie hätte konzipieren müssen, das als Katastrophenfilm funktionieren müsste, hätte man den frühen Rückstand nach 11 Minuten sicher reingeschrieben. Den glücklichen Ausgleich vielleicht auch, um Hoffnung zu erzeugen. Aber nach 15 SEKUNDEN direkt wieder hinten zu liegen, nee, das wäre dann doch zuviel gewesen.


Im Spiel nach vorne gemahnte viel an Südkorea 2018. Ich erinnere mich an eine frühe Torchance von Kimmich, den Kopfball von Hummels an die Latte und dann lange, lange nichts mehr. Ballgeschiebe um den Strafraum und wenn ein Deutscher was probierte, eine Einzelaktion, ein Vorbeilegen und Davonsprinten, klebte der Ball umgehend am Ungarn. Frustrierend für den Zuschauer und die DFB-Auswahl, aber ein riesiger Motivationspush für die Magyaren.


Am Ende hatten wir das Glück wie damals gegen Schweden 2018. Diesmal kein ekelig reingeschnibbelter Freistoß von Kroos, sondern Goretzka, der glücklich aus dem Hintergrund schießen könnte, nein konnte und den Ball versenkte. Über die restlichen Minuten mit peinlichem Eckballtheater hüllen wir besser den Mantel des Schweigens.


Die Tabelle zeigt es nüchtern: 4 Punkte, zweiter Platz. Und dem Franzosen (der uns natürlich NICHT geholfen hat) gelang ja auch nur ein Remis gegen die wilden Ungarn. Also alles gut? Nein, das war ausreichend minus mit maximalem Dusel. Immerhin kann es gegen England nur wieder besser werden, denn die dürften sich im eigenen, gut ausgelasteten Wembley-Stadion nicht hinten reinstellen und auf Konter hoffen. Obwohl das eine Taktik wäre, mit der sie uns realistisch rauskicken könnten. Hoffentlich sagt es ihnen keiner.