England – Russland (Vorbericht)

„Spielt bei den Russen eigentlich Wladislaw Tretjak noch?“
Diese Frage einfach mal in die fröhliche Fußballexperten-Runde werfen. Der Strauß an Antworten dürfte bunt ausfallen. Kaum einer wird sich wagen, ein ehrliches „Ich kenn‘ die alle nicht“ zum Besten zu geben. Stattdessen dürfte man hören: „Nee, gesperrt wegen Doping“, „Bildet zusammen mit Andrey Arshavin die Flügelzange irgendwo bei Moskau“, „Ist wegen seiner Verbindungen zu Putin ein gemachter Mann“ oder „Ist wegen seiner Verbindungen zu Putin auf verzweifelter Flucht“. In der Realität hat der mitttlerweile 64-jährige ehemalige Weltklassetorwart viele gegnerische Stürmer zur Verzweiflung getrieben. In den frühen 80ern. Im Eishockey.

Was ich mit dieser Anekdote sagen will: Niemand kennt die Russen, weil die Sbornaja wie schon bei den letzten Turnieren fast komplett im Reich des nacktbrüstigen Muskelpräsidenten mit dem dünnen Scheitelhaar spielen. Für internationale Furore hat die heimische Liga ebenfalls nicht sorgen können. Also „what shell’s“, wie mein alter Physiklehrer zu sagen pflegte. Wegen der kollektiven Ahnungslosigkeit ist alles drin bei der Mannschaft von ZSKA Moskau-Trainer Leonard Slutsky (voted best name by american zollbeamten), der den Italiener Fabio Capello ablöste und damit den Glamour-Faktor der Russen endgültig auf den Nullpunkt trieb. Die können irgendwo zwischen der 2008er Rasenzylonen-Phase und dem Vorrundenaus-weil-0:1-gegen-Griechenland 2012 landen. Historiker allerdings mahnen: Der Russe mag die Europameisterschaft, hat er doch 1960 deren Premierenausgabe gewonnen und danach 1964, 1972 und 1988 das Finale errreicht. Dank des Neu-Russen und Schalkers Roman Neustädter drücke ich vielleicht doch 1/11 Daumen für die Truppe, so ich das mit dem Abmessen hinbekomme.

Der englische Verband feiert ein schönes Jubiläum: 50 Jahre nix. Nach 1966 hat man international nur die schönsten Schimpf-und-Schande-Heimfahrten hinbekommen. Die anhaltende Meistertitellosigkeit gemahnt natürlich an meine Schalker Jungs, weshalb ich dieses Jahr schon sehr weich gegenüber den Three Lions eingestellt bin. Eine junge, wilde Auswahl, die eine sehr überzeugende Qualifikation mit 10 Siegen in 10 Spielen als Bewerbung einreichte. Oberbulldogge Wayne Rooney ist zwar immer noch dabei, aber mit Dele Alli (Tottenham), Raheem Sterling (ManCity) oder Harry Kane (Tottenham) warten Rohdiamanten auf Politur in Form von Toren. Ich bin nicht abgeneigt.

Besonders angetan hat es mir freilich Jamie Vardy vom Sensationsmeister Leicester City, dessen fußballerische Vita so überhaupt nicht nach Superstar riecht und der gegen uns einen feinen Hackentrick eingenetzt hat. Fast 30 Lenze auf dem Buckel, lange Zeit in unterklassigen Ligen aktiv, mit Ausgangssperre und elektronischer Fußfessel belegt, letzte Saison plötzlich leistungsmäßig explodiert und zu Englands Fußballer des Jahres gewählt. Sowas gefällt mir. Weil ich glaube, dass für jeden Jamie Vardy ein hochbezahlter, mit Transfersummen jonglierender Fußballmanager und ein milliardenschwerer saudischer Investor auf dieser Welt eine Woche Verstopfung mit gastroösophagealem Reflux bekommen. Was ich den kleinpimmeligen Idioten, die derzeit in Marseille Krawall machen, an den Hals wünsche, muss ich hier allerdings nicht so spezifisch ausführen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s