Deutschland – Italien (Vorbericht)

Erst Italien. Dann Spanien. Es bleibt schwierig. Sollten unsere Jungs „La Coupe Henri Delaunay“ am Sonntag in den Kiewer Nachthimmel hieven, hätten sie vier Topmannschaften auf dem Weg dorthin besiegt (Wer jetzt grübelt: ja, Holland zähle ich dazu). Ich erinnere mich an Zeiten, da reichte es, einen dicken Fußballmacker auszuschalten. Bei der WM 2002 etwa. Paraguay, USA, Südkorea hießen damals die Gegner ab dem Achtelfinale. Brasilien lauerte als Oberboss und schnitzte uns zwei Dinger rein. Von daher dürften wir jetzt schon Europameister der Herzen sein. Mindestens.

Rein finanztechnisch haben wir eh bereits gewonnen. Ich habe unlängst auf Twitter die Frage in den Raum gestellt, ob die anderen verbleibenden Nationen überhaupt ihre Mannschaftssiegprämien auszahlen können, wenn wir nicht vorher ihre Banken retten. Unsere Angie darf dieses Mal ja nicht mit herrlich steif im 90-Grad-Winkel abgeknickten Unterarmen auf der Tribüne mitjubeln, weil sie lieber nach Brüssel fährt, um dort wegen Eurobonds zu sterben. Oder so ähnlich. Ich würde vorschlagen, dass man als Ersatz unseren Finanzminister Schäuble mit abwinkender Geste und Kopfschütteln hinter dem Tor von Buffon hin- und herrollen lässt.  „Was das allesch koschd!“ , „Von mir gibbet’s nix mehr, ha noi“ oder „Haschd dei Steuere b’zahld, Bürschle?“ könnten Sätze sein, die die entscheidenden Reflexe beim Gianluigi hemmen.

Kein einziger Sieg gegen Italien während eines Turniers. Das liest sich schlimm. Ich habe das Drama zweimal erleben müssen. 1970 war ich noch der glühende Wunsch im Auge meiner Mutter, dem Erstkind ein Brüderchen zu schenken. 1982 lernte ich einen gewissen Paolo Rossi kennen und nicht schätzen.  2006 schließlich beichtete ich im WM-Tagebuch eine spektakuläre Jugendsünde von eben jenem Finalspiel ’82, um den Fußballgott milde zu stimmen. Und was bekam ich? Fabio Grosso zwei Minuten vor Ende der Verlängerung. Klar: Serien sind dazu da, gebrochen zu werden. Wir haben uns weiterentwickelt, Italien spielt ganz anders als damals, erzielt aber witzigerweise ähnliche Ergebnisse. Wo ich mich schon frage, ob Prandelli nicht irgendwann sagt: „Hey, wozu die ganze Mühe machen, wenn es auch mit Verteidigen alleine klappt?“.

Auf der Suche nach Beruhigung fand ich auf SpOn einen Experten. Karsten Görsdorf, Trainingswissenschaftler am Institut für Spielanalyse in Potsdam. Der Mann muss Ahnung haben, verfolgt er doch alle Partien akribisch unter Beobachtung sämtlicher Muskelzuckungen, Atembeschwerden oder Ausfallschritten der auf dem Feld beteiligten Mannschaften. Er tippt auf ein 4:1 für uns. Ein Ergebnis, das ich jetzt eher Lothar Matthäus zugetraut hätte. Oder Waldi im Weißbierrausch. Oder generell Menschen, die noch keine 90 zusammenhängenden Minuten bei dieser EM verfolgt haben und einfach irgendwas Geiles in die Kamera schreien wollen. Nennt mich einen Spielverderber, meißelt mir den Gesichtsausdruck von Andrea Pirlo ins Gesicht, aber ich bleibe skeptisch.

Meine Prognose: es wird eine enge Kiste. Eventuell Verlängerung. Elfmeterschießen sind gerade en vogue. Wo ich es schon ein bisschen schade finde, wenn dort Pfosten und Latte den entscheidenden Ausschlag geben und nicht Heldentaten von Spielern oder Torhütern. Vielleicht überrascht uns der Jogi ja wieder mit einer Eingebung. The Triumphant Return of Mertesacker? Schmelzer und Höwedes im Sturm? Sollte allerdings Wiese ins Tor rücken, müsste ich mich noch vor Anpfiff spontan entleiben.

Es wäre ein schwacher Trost, aber ein Deutscher ist in jedem Fall im Finale. Denn Riccardo Montolivo hat eine deutsche Mutter, besitzt die doppelte Staatsbürgerschaft und liess sich auf seinem rechten Fußballschuh eine kleine runde deutsche Fahne anbringen. Weil Mama heilig ist. Mit rechts hat er übrigens seinen Elfmeter gegen die Engländer neben das Tor gesetzt. Das könnte er heute Abend ruhig wieder tun. Für Mama. Und uns.

Advertisements

Ein Gedanke zu “Deutschland – Italien (Vorbericht)

  1. Ja, da gebe ich Dir Recht – ich glaube auch, dass das heute eine ziemlich enge Kiste wird! Wobei ich mal darauf hinweisen wollte, dass die Italiener in diesem Turnier bis jetzt ja gerade mal ein einziges Spiel in der regulären Spielzeit gewonnen haben – das 2:0 gegen Irland und das zählt ja fast nicht, oder? Gegen Spanien und Kroatien gab’s jeweils nur ein 1:1 und gegen die Engländer im Viertelfinale gab’s überhaupt kein reguläres Tor aus dem Spiel heraus. Und wenn die Engländer es schaffen, über 120 min kein Tor zu kassieren, dann sollten wir das doch eigentlich auch schaffen, mit unserer viel gelobten Abwehr und Neuer im Tor …

    Naja, man darf auf jeden Fall gespannt sein! Wünsche allerseits einen unterhaltsamen und hoffentlich aus deutscher Sicht erfolgreichen Fussballabend! Schland!!!!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s