England – Italien 2:4 (n.E.)

Ein denkwürdiges Viertelfinalspiel bei dieser EM. Denn es schien nichts so, wie man es gewohnt war. Eine Auflistung: England hat einen sicheren Torwart; Italien spielt offensiv nach vorn; harte Foulspiele und theatralische Einlagen gibt es keine; England zieht sich zurück und verteidigt italienisch; Italiens Abwehr ist (zu Beginn) anfällig gegen die englischen Flanken; England spielt selbst in der Verlängerung knallhart auf Elfmeterschießen; Italien war klar besser und hätte den Sieg schon in den regulären 90 Minuten mehr als verdient gehabt. Alles komplett anders zu dem, was ich mir all die Jahre als gesichertes Wissen angesammelt hatte. ABER EINES ÄNDERT SICH HALT DOCH NIE: ENGLAND VERLIERT IM ELFMETERSCHIESSEN.

Sogar Steffen Simon, nicht gerade mein Lieblingskommentator, erfreut mein Herz mit einem gepflegten Diss gegen Waldis EM-Club. Angesichts der dort anwesenden Harald Schmidt, Guido Cantz und Matze Knop mutmaßt der Mann am Mikro: „Vielleicht erzählt einer von den dreien einen Witz“. Auf den Punkt gebracht, souverän in die Parade gefahren, ansatzlos verwandelt.

Wir sehen das erste Viertelfinale, das zumindest in den ersten 20 Minuten als ausgeglichen eingestuft werden kann. Nicht mal ganz drei Minuten gespielt, fetzt de Rossi, der Mann mit dem Teletubbies-Tattoo auf dem Arm, einen Ball fulminant an den Pfosten. Auf der Gegenseite zwei Minuten drauf Johnson freistehend mit einem Stocherball, den Buffon entschärfen kann. Balotelli zeigt, dass er fußballerisch einiges auf der Pfanne hat außer Hitze, erarbeitet sich Chancen, ist ein ständiger Gefahrenherd. Andrea Pirlo zaubert Pässe zum Niederknien, das muss man als neutraler Fußballfan einfach anerkennen.

Mitte der ersten Hälfte nimmt Italien das Heft des Handelns in die Hand und lässt es nicht mehr los. Nur die Chancenverwertung ist absolut untypisch für die Truppe. Ich habe bei den letzten Turnieren die Azzurri oft geschmäht, aber dieses Spiel zu verlieren hätten sie wirklich nicht verdient gehabt. Sicherlich wären die Engländer am Donnerstag für uns leichter zu bespielen gewesen, aber der Fußballfan in mir will die bessere Mannschaft weiterkommen und die Anti-Fußballer bestraft sehen.

Und England tut mit fortschreitender Spieldauer wirklich rein gar nichts mehr. Rooney hat kurz vor Ende der 90 Minuten eine Riesenchance, setzt den Fallrückzieher aber zu hoch an. In der Verlängerung sollte nicht ein einziger Schuss auf den Kasten von Buffon kommen. C’mon, England, so geht’s ja wirklich nicht.

Meinte auch der Fußballgott und bestrafte das Phlegma der Three Lions gnadenlos. Lässt die Engländer zunächst in Führung gehen, weil ausgerechnet der deutschstämmige Montolivo vorbeischießt. Das sollte allerdings auch die letzte Verdrehung alteingespielter Gewohnheiten an diesem Abend werden. Pirlo verwandelt bei höchstem Druck im Panenka-Stil, kälter geht es nicht mehr. Für die Briten haut Young an die Latte, Cole gelingt mehr Rückgabe als Schuss. Hinten raus geht den Engländern weiterhin mit traumhafter Sicherheit die Abschlusskompetenz aus. Diamanti schließlich trifft souverän, Italien steht im Halbfinale. Und ich schreibe es gerne nochmal hin: absolut verdient.

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