Niederlande – Deutschland (Vorbericht)

Eigentlich war allen in der Firmenzentrale von Philips bewusst, dass es eine selten blöde Idee war, Jürgen Klopp nach Amsterdam einzuladen.  Der aktuelle Werbestar verströmte so schon penetrant gute Laune, in Verbindung mit der Tristesse der Niederländer war er aber gar nicht auszuhalten. Doch Bert van Marwijk hatte aus dem fernen Krakau Hilfe angefordert. Eine Geheimmission sollte das bedrängte Heimatland retten. Zuvor galt es allerdings, Kloppo zu bändigen; der stapfte mit zum Anschlag hochgezogenen Mundwinkeln durch die Gänge, störte Meetings mit einem lauten BOOOOO-RUSSSS-IIIIAAAA, steckte Sekretärinnen mit einem freudigen ENJOY Deutschlandfähnchen in den Ausschnitt, malte dem Nachwuchs in der Kindertagesstätte mit schwarzem Edding Vollbärte an und kraulte dem versammelten Vorstand grinsend mit den Fingern unter den Kinnen herum – „NAAA, WÄCHST DA WAS? DEIN BART FÜR DEUTSCHLAND!“.

Ob es denn möglich wäre, wollte der CEO freundlich wissen, dass man mal mit Mats Hummels reden könnte. Als sein Vereinstrainer hätte er doch bestimmt die Handynummer. KLARO, DER HUMMELS, DER ALTE ABWEHRBRUMMER, DEN RUF ICH GLEICH AN, kam als Antwort. Schön, äh, ob der vielleicht gegen eine kleine finanzielle Beteiligung am aktuellen Umsatz bereit wäre, kurz den van Persie aus dem Auge zu lassen. Oder besser gleich selbst ins eigene Tor zu treffen, weil gegen Dänemark klappte ja gar nix. UI UI UI, DAS KOSTET ABER UND DER HUMMELS IS N GANZ FEINER KERL, ALSO ICH WEISS JA NICH, NAJA FRAGEN KANN MAN JA MAL.

Quälend lange Minuten vergingen, in denen Klopp am Telefon hing. Dreckiges Lachen, schelmisches Grinsen, viele HEJA BVBs später dann reckt sich der Daumen des Meistertrainers nach oben. ALLES KLAR, ICH STELL DICH JETZT AUF LAUTSPRECHER. SAG DENEN EINFACH, WAS DU MIR GESAGT HAST. BEREIT? AUF DREI. EINS – ZWEI – DREI:

IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHR’N, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHR’N, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHR’N, IHR KÖNNT NACH HAUSE FAHR’N. AUF DER CHARKOWER AUTOBAHN SIEHT MAN TRAURIGE ORANJES FAHR’N, NACH HAUSE FAHR’N. WIR SCHICKEN EUCH NUUULPEN NACH AMSTERDAAAAM, NUUULPEN NACH AMSTERDAAAM. Als die Security den immer noch lauthals lachenden Jürgen schließlich wortlos nach draußen eskortierte, schnappte dieser sich noch eine Handvoll Packs mit Rasierklingen und Scherköpfen vom Werbestand im Foyer – falls der Bart bis zum 1. Juli doch zu dicht gewachsen sein sollte.

Häme ist natürlich in der aktuellen Situation leicht hervorgeholt. Man mag sie mir, der als Schalke-Fan nun wirklich nichts gegen die Niederlande hat, verzeihen, aber ich bin mir sicher, im umgekehrten Fall würde man im niederländischen Lager ähnlich lästern. Die Elftal muss gewinnen, ein Unentschieden könnte schon zu wenig sein. Vor allem, falls die Dänen zuvor gegen Portugal siegen sollten und ihr letztes Vorrundenspiel gegen Deutschland daher nur noch die Bedeutung eines Trainingsspiels hätte.

Spielt Mario Gomez? Oder Miro Klose? Für Katrin Müller-Hohenstein geht beides, schlimmstenfalls halt als Mario Klose. Das ist so typisch weiblich, immer Kompromisse eingehen zu wollen. Gebt doch jedem einen Ball! Lasst doch auch mal die anderen gewinnen! Spielt mehr Unentschieden! Männer hingegen wissen: heute geht’s um die Wurst, alles andere ist Käse.

1300 Kilometer müssen die Oranjes von ihrem Quartier in Krakau zur Spielstätte in Charkow anreisen. Wenigstens spielt Dennis Bergkamp nicht mehr mit, denn der für seine Flugangst berühmte Stürmerstar der WM 1998 wäre wohl erst angekommen, nachdem seine Kollegen zu Hause angekommen wären. Nicht in Krakau, in Holland. Dennoch schlaucht so eine lange Anfahrt mit Sicherheit, da hat man leider mehr als genügend Zeit, nochmals die zahlreichen verpassten Gelegenheiten gegen die Dänen im Kopf Paroli laufen zu lassen, wie Horst Hrubesch sagen würde. Oder das gekonnte kollektive Blankziehen in der Abwehr beim 0:1 durch Krohn-Delhi. Routinier Joris Mathijsen soll nun heute Abend dafür sorgen, dass die Hosen zugeschnürt sind.

Bei der deutschen Elf hingegen ist alles prima. Eigentlich muss man nur Mittelfeld und Offensive auf die Reihe bekommen, wo im Spiel gegen Portugal so gut wie gar nichts klappte. Özil, Podolski, Müller, Schweinsteiger sorgten so oft für gefährliche Situationen wie ein Schaf mit Karies im Wolfsrudel. Dafür konnte die Abwehr überzeugen. Hummels, Badstuber, Boateng und Neuer spielten ruhig und abgeklärt, da konnte selbst Philipp Lahm mal auf seinem Flügel einen eher gebrauchten Tag aus dem Köcher ziehen.

Zum Schluss die Quizfrage für vermeintliche Experten, die gerne in Wissensfallen hineinlaufen. Wann gelang der DFB-Elf der letzte Sieg gegen die Niederlande bei einer EM? Gefühlt haben wir bei großen Turnieren über die Nachbarn ja immer triumphiert, aber das waren Welt- und nicht Europameisterschaften. Die Antwort lautet daher 1980, vor 22 Jahren. Torschütze: dreimal Klaus Allofs. Damals habe ich noch gar nicht Fußball geguckt. Und ich bin alt.

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