Polen – Russland 1:1 (Nachbericht)

Ein gerechtes Unentschieden in einer hochklassigen, temporeichen Partie. Ein paar Vollidioten und Krawallbrüder in der Innenstadt von Warschau werden das allerdings wohl leider nicht zum Anlass nehmen, damit aufzuhören, Weltkrieg zu spielen.

Die Emotionen schaukeln sich schon vor Anpfiff hoch, kein Wunder, denn Polen gegen Russland ist ja quasi das Ostpendant zu Holland gegen Deutschland. In der ersten Halbzeit viel Tempo, gute Spielanlage auf beiden Seiten, Arshavin mit brandgefährlichen Pässen. Kerzhakov hier und Lewandowski dort spulen Kilometer in allen Winkeln des Felds ab, dass Mario Gomez nur schmollend aus dem Mundwinkel ein „Aber die haben kein Tor gemacht“ raunen kann. Echte Torgefahr bleibt jedoch die Ausnahme.

Bis zur 37. Minute, als Arshavin einen Freistoß auf den von der Grenze des Strafraums heranrauschenden Dzagoev zirkelt. Eine Schulter-Kopf-Kombination später hat der junge Bursche seine dritte Bude im Turnier erzielt – 0:1.

Der Moment des Spiels 20 Minuten später. Kuba feuert aus vollem Lauf eine Rakete ab, für die er vor knapp 50 Jahren noch international geächtet worden wäre. Heute stürzt er damit ein Stadion, eine Stadt, ein Land in Freudentaumel. 57. Minute, der Ausgleich – in Anlehnung an mein Motto der WM 2006 nenne ich diese Aktion mal ehrfürchtig „Fear ze power of the polish weitschuss!“. Blaszczykowski, der Haudrauf der Nation. Bud Spencer kann endlich in Rente gehen.

Anders als Franzosen und Engländer wird jetzt nicht zurückgesteckt und gekonnt das Publikum gelangweilt. Es geht weiter in alle Richtungen, doch Entscheidendes landet nicht mehr auf den Toren von Malafeev und Tyton. Damit hat die polnische Auswahl ihr Endspiel gegen Tschechien, Griechenland hilft nur noch ein hoher Sieg gegen ein wohl nicht mit der B-Elf auflaufendes Russland. Eventuell haben die Griechen bislang noch einen Superstürmer vor mir versteckt, aber Samaras, Gekas oder dem Brecher Mitroglou traue ich das nicht zu. Jetzt, da sich die Ergebnisse langsam zu normalisieren scheinen bei dieser EM.

Polen – Russland (Vorbericht)

Für die Polen wird jetzt alles ganz einfach. Ein Klacks. Denn die Nervenbelastung ist wie weggeblasen nach der Eröffnung, wo das ganze Land gebannt auf die Beine der Landesauswahl blickte. Mit dem 1:1 gegen die Griechen kräuselte sich eine Welle der Entspannung durch die Weite der polnischen Städte und Dörfer. Die Bevölkerung hat verstanden: Erwartste was, kriegste nix. Erwartste nix, kriegste was. Vielleicht. Von daher lautet das Motto für heute Abend: „Mit frischer Lockerheit im Bein schenken wir dem Russen ein“. Denn der Nachbar im Osten ist nach seiner Glanzvorstellung Favorit – eine Bürde, an der er quälend zugrunde gehen wird. So denkt der gesamte polnische Tross. Das können die doch nicht ernst meinen, oder?

Ich will deren Lockerheit sehen, wenn Arshavin, Dzagoev und Pavlyuchenko wieder mit dem Hochglanzgewirbele anfangen. Eventuell hofft man ja, dass ein Punkt ausreichen könnte bei einem vorigen Unentschieden zwischen Griechenland gegen Tschechien. Dann nämlich könnte man die desillusionierten Kicker aus Prag und Umgebung im letzten Spiel auskontern, während die rastlosen Russen die Griechen zerpflücken. Solche Gedankenspiele würde ich erst gar nicht anfangen. Beim jetzigen Verlauf des Turniers würden mich selbst Kantersiege Griechenlands nicht mehr überraschen.

Russland könnte mit einem weiteren souveränen Sieg nicht nur die Stimmung im Mitgastgeberland von „abwartender Gelassenheit“ auf „kochender Volkszorn“ justieren, sondern auch den ersten Tabellenplatz zementieren. Was wiederum direkte Auswirkungen auf die deutsche Gruppe hätte. Platz 2 wäre für unsere Elf dann eher unangenehm, die Holländer würden sich mit Rückblick auf die EM 2008 ärgern, wenn sie im Viertelfinale das große Wiedersehen mit den roten Zylonen feiern müssten.

Den erschreckendsten Satz vor dieser Partie sagte Sbornaja-Trainer Dick Advocaat: „Ich habe keinen Kontakt nach Moskau“. Putin soll keinen Einfluss genommen haben (Medwedew dann ja automatisch auch nicht)? Der Holländer darf machen, was er will? Was ist denn dort los? Ich will wenigstens, dass ein paar Vorstandsvorsitzende von Gazprom sich einmischen und die besten Spieler heimlich nach Schalke schleusen. Das kann doch nun wahrlich nicht zu viel verlangt sein.

Griechenland – Tschechien 1:2 (Nachbericht)

Ritschtitsch großartitsch waren die Tschechen nur in den ersten zehn Minuten, in denen die hellenische Abwehr älter aussah als ihr 38-jähriger Torwart in 50 Jahren. Nach drei Minuten vollendet Jiracek eine fast 1:1-Passkopie des Treffers gegen Russland, in der 6. Minute rutscht Pilar in eine Hereingabe mit dem Knie zum 0:2. Der aktuelle und der fast so gut wie Wolfsburger steigern ihren Wert, die wollen wohl beide Magath entkommen.

Bemerkenswerte Szene in der 21. Minute. Torwart Chalkias trabt seelenruhig in einer Spielpause vom Feld, drückt mit festem Augenaufschlag aus, dass es für ihn nicht mehr weitergeht. Was für Carol Beer der Computer ist für Chalkias der Körper. Und Körper sagt nein. Kannste nix machen.

53. Minute. Der wieder größtenteils durch überzeugende Nichtsleistung auffallende Samaras schlägt eine Hereingabe von der Gefährlichkeit einer Pusteblume in den Strafraum. Cech lässt sich vom eigenen Mitspieler irritieren, der Ball rutscht ihm über die Hände vor die Füße von Gekas, der abstaubt. Es ist mit den griechischen Fußballern wie in der EU bei den Finanzhilfen: eine Chance kriegen sie immer wieder.

Tschechien spielt in den zweiten 45 Minuten ohne Rosicky, also auch ohne Kopf. Körper haben sie allerdings noch genug, um die zahlreich hereingehubelten, aber harmlosen Flanken der Griechen abzuwehren. Damit sind die Jungs von Trainer Bilek nach einem mutlosen Auftritt in der zweiten Hälfte wieder im Turnier, Griechenland hingegen muss sich gegen Russland gewaltig steigern, um drinzubleiben.

Griechenland – Tschechien (Vorbericht)

Die Tschechen sind die Schlechtesten. Zumindest nach dem ersten Spieltag. Das wurmt gewaltig Team, Volk und Nation. Petr Cech etwa, der Star-Torhüter, musste sich viel Spott anhören. „Nitscht mal der britschische Torwätschter hat so viele gekrietscht, die russitschten Flatschzangen kennt doch kein Tschwein!“. In der Tat scheint es eines Champions League-Siegers nicht würdig, von unglamorös frisierten Kollektivkickern aus dem Turnier kombiniert zu werden. Da ist es schnell Essig mit wertvollen Anschlusswerbeverträgen.

Alles, was sich die Tschechen vorgenommen hatten, war anderen gelungen. Mittelfeldhase Petr Jiracek wird wohl weiterhin bei Felix Magath im Wolfsburger Tretwerk  schuften müssen, während ihm sein kroatischer Kollege Mario Mandzukic alle Nase lang euphorische SMS zuschickt: „Bin so gut wie frei!“, „Das Leben ist schön!“, „Ich kann die Sonne sehen!“. Der alte Mann Milan Baros hingegen träumt seufzend von Andriy Shevchenko, der wohl seit seinem Auftritt gestern die nächsten drei Weltmeisterschaften auflaufen dürfte, sofern man ihn solange konservieren kann.

Trainer Michael Bilak bringt es auf den Punkt, wenn er sagt: (Zitat) „Wir werden definitiv versuchen, die Fehler zu vermeiden, die wir im ersten Spiel gemacht haben, weil wir sonst nicht gewinnen, wenn wir das nicht machen„. Mutige Worte! Doch was Fehler abstellen anbelangt, hat es der russische Kollege mit seinen Rasenrobotern einfacher. Aufmachen, Platine rausschrauben, Staub wegblasen, Softwareschnittstelle dranklemmen, Debugger drüber laufen lassen, wieder einschrauben, Klappe drauf, fertig. Bei Rosicky hingegen fehlt schon der Zugriffs-Port und überhaupt ist alles zu klein und eng montiert. Roman Hubnik schließlich taktet in der Abwehr eh nur noch sehr langsam, wahrscheinlich ginge da mehr kaputt als wenn man ihn einfach in Ruhe lässt.

„Tschechien hat Druck. Noch eine Niederlage und sie sind raus“, würde Olli Kahn jetzt sagen, wenn das ZDF übertragen würde. Und Katrin Müller-Hohenstein würde lächeln, weil sie wieder etwas Schlaues gelernt hätte. Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Vor- und Nachberichterstattungen im Zweiten nicht so der Schlag mit dem großen Entertainment-Vorschlaghammer wären. Ich krieg die ja nie mit, weil ich erst zum Spiel einschalte, in den Pausen Magen befülle bzw. Blase entleere und mit Schlusspfiff an den Nachberichten am PC tippe, wo kein Fernseher steht. Es soll Menschen geben, die mich dafür beneiden.

Bei Griechenland fällt Papadopoulos mit Kreuzbandriss aus. Scheiße. Avraam Papadopoulos. Ach so. Puh. Ja, ist schlimm, tut mir leid, aber so ist der Sport. Dafür spielt Kyriakos Papadopoulos. Das wiederum ist schön. Ich will den kernigen Schalker Jungen bei der Vorstellung sehen, vielleicht trägt er schon beim Einlauf zu „Heart Of Courage“ den passenden Helm.  Die CD ist übrigens schwer prima, war bei mir auf dem Blog im letzten August CD des Monats.

Ich fand die Griechen überraschend gut in ihrer Auftaktpartie. Zuerst hinterhergelaufen, einen Rückstand kassiert, dann aber aufgestanden und fast die Begegnung noch gedreht. Salpingidis vorne ist quirlig und mit 30 Jahren beinahe so etwas wie der Jungstar in der griechischen Auswahl. Von Samaras erwarte ich auf der anderen Seite, dass er es vielleicht schafft, Chancen noch eine Spur lustloser zu versemmeln. Siehe dieses Video. Schnell angucken, allein die letzte Einstellung ist grandios!