Frankreich – England (Vorbericht)

Revolution bei den Franzosen! Dieses Mal will man tatsächlich eine Mannschaft und einen Trainer zum Turnier entsenden. Ja, ist wirklich wahr, ich bin auch vollkommen perplex. Wie kommen die nur auf solche Schnapsideen? In Südafrika war man noch mit einer Meutertruppe und einem Trainer-Double angetreten, die beide vorgaben, etwas mit Fußball zu tun zu haben. Den wiederum wollten die Burschen schon im Training gar nicht spielen und während des Turniers auch nur mit gehörigem Widerwillen. Übungsleiter Domenech hingegen studierte eher Sternkonstellationen, stellte Spieler streng nach Schuhgröße sortiert auf und freute sich über Unentschieden und knappe Niederlagen, weil ihm keiner gesagt hatte, dass Siege zusätzliche Punkte bringen. Rein vom Unterhaltungswert kann es dieses Jahr also nur schlechter werden.

Laurent Blanc ist der neue Mann an Bord, der die Geschicke der équipe tricolore leiten soll. Weltmeister von 1998, Europameister von 2000, Englischer Meister 2003. Allein schon der Name verspricht französische Raffinesse und Lässigkeit, das reimt, das klingt, das perlt. Könnte man so gar nicht im Deutschen nachahmen, höchstens vielleicht in Form der behelfsmäßigen Namenskonstruktion Miami Weiß. Im August 2010 nominierte Blanc gleich mal alles, was nicht in Südafrika gespielt hatte, schüttelte ein paar der Revoluzzer  durch et voilà – schon qualifizierte sich  der Tross souverän für die EM.

2198 Tage wartet die Grande Nation nun bereits auf einen Sieg bei einem großen Turnier. Das sind 52752 Stunden,  3 165 120 Minuten oder 189 907 200 Sekunden. Ich liebe es ja, wenn irgendwelche Statistikfutzis solche Zahlen ablassen. Als ob man alle paar Tage die Chance bekommt, bei einer EM oder WM ins Tor zu treffen. Letzten Endes sind solche Zahlenkolonnen nur dazu da, Mitleid und fußballerisch unbedarfte Mütterchen zu erregen, die während der Partien sodann störrisch und empört mit dem Stock auf den Fernseher klopfen und laut „Menno, jetzt lasst doch auch mal die Blauen ein Tor schießen“ ausrufen.

Vom Talent her müsste Frankreich ein gutes Turnier spielen. Hugo Lloris ist ein junger, aber bereits kompletter Keeper, dem lediglich sein Torwarttrainer noch das Prädikat internationale Klasse entzieht. Der wiederum heißt allerdings Fabien „le clown“ Barthez und war seinerzeit oft bemüht, französische Siege nicht zu leicht aussehen zu lassen. Starke Leute auf den Außen (Debuchy, Evra), im  Mittelfeld die Kreativspieler Ribéry und Nasri sowie Multitalent Malouda, vorne der bei Madrid erstarkte Benzema. Da müsste was gehen, wenn keiner verkrampft. Was leider gerne mal passiert. Vor allem der bayrische Franck denkt oft zu viel, da sollte er sich Hilfe von seinem Chef Kaiser Franz holen, dem man das bei seinen Experteninterviews nun wahrlich nicht vorwerfen kann. Ich glaub dieses Jahr an die Franzosen.

An die Engländer hingegen aus Prinzip nicht. Obwohl sie es einem diesmal fast schon zu leicht machen. Die schönste Geschichte im Vorfeld der EM war für mich jene von Wayne Rooney. Podgorica in Montenegro, 7. oktober 2011: noch knapp 15 Minuten sind zu spielen, England führt mit 2:1, man benötigt nur ein Unentschieden für die endgültige Qualifikation. Da tritt die Rooney-Bulle anlasslos einem Gegenspieler herzhaft von hinten in die Beine, der deutsche (ja klar!) Schiri Wolfgang Stark schickt ihn mit Rot vom Platz. „Prima“, denkt sich der Wayne, „mach ich früher Feierabend, sortier mir in aller Ruhe die Haarimplantate neu und strulle entspannt ins Entmüdungsbecken“. Bis ihm jemand erklärt, dass er die Sperre für seine Karte WÄHREND DER FRICKIN‘ BLOODY EUROPEAN CHAMPIONSHIP abzusitzen hat. Ursprünglich drei, später reduziert auf zwei Spiele muss der Stürmer nun draußen bleiben. Eine Geschichte, die zeigt, dass Intelligenz bei englischen Kickern nicht gleichmäßig verteilt ist und dass man die Three Lions eigentlich per Wildcard zu jedem Turnier einladen sollte, weil sie einfach die witzigsten Dummheiten anstellen.

Auch die Briten haben sich einen neuen Trainer gegönnt, nachdem Fabio Capello zurückgetreten war. Capello hatte sich sich schützend vor seinen Kapitän John Terry gestellt, der vom Verband wegen Rassismusvorwürfen gegen Anton Ferdinand seines Amtes enthoben worden war. Das mit der Intelligenzverteilung  im Kader hatte ich schon geschrieben, oder? Jedenfalls steht nun Roy Hodgson an der Spitze, ein weitgereister Mann und Inbegriff des britischen Gentleman. Wenn zum Pausentee gerufen wird, dürfte wirklich auch Pausentee serviert werden. Dann hält sich Hodgson mit gespreiztem kleinen Finger am Henkel seines Tässchens fest und murmelt „Oh dear, we are about to lose. What to do, what to do? Mortimer, fetch me another cup please“, während Butler Mortimer dem kleinen Wayne einen neuen Beißring einsetzt. Was ich sagen will: ich glaube, der Roy ist nicht hart genug für eine EM.

Peter Crouch, der schlaksige Stürmer, der mit Rooney jahrelang das fußballerische Pendant zu Pat & Patachon bildete, wurde nicht mehr nominiert.  Mittelfeldmotor Frank Lampard vom Champions League-Sieger Chelsea fällt verletzt aus. Im Tor steht Joe Hart, der – das bemühen sich alle Journalisten klarzustellen – ein guter und zuverlässiger Keeper sein soll. Für englische Verhältnisse, wird dann rasch hinzugefügt. Man kennt ja seine Schlawiner. Ich sehe in der Mannschaft jetzt keinen, der mich groß überraschen könnte. Es ist wohl eher mit deftigen Abwehraktionen und heftigem Gemauere zu rechnen.

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