Ukraine – Schweden 2:1 (Nachbericht)

Legenden. Menschen. Sensationen. Die Schweden lassen sich tatsächlich durch einen ukrainischen Kicker von altem Schrot und Korn das Wasa vom Teller ziehen. Dabei hatte ich bei der Vorstellung von Shevchenko durch Poschi („Reicht die Kraft nochmal für 90 Minuten?“) schon die Befürchtung, der Andriy würde sich beim ersten Sprint vor Klapprigkeit ein paar Gelenke auskugeln.

Eine Sache vorab: man mag mich als verkrusteten Traditionalisten beschimpfen, aber wenn ich eine Mannschaft bei einer EM oder WM in gelb sehe, sind das für mich erstmal Schweden. Die gibt es als eigenständige Nation ja auch schon länger als Ukrainer, rein historisch betrachtet. Weshalb ich mir dauernd im Kopf DAS SIND NICHT DIE SCHWEDEN; NICHT DIE SCHWEDEN; NICHT DIE SCHWEDEN vorsäuseln musste, wenn die Ukraine in Ballbesitz war.

Die Ukrainer bemüht, jedoch zunächst im Abschluss mit einem Killerinstinkt wie ein Korb Golden Retriever-Welpen. Schweden vollständig auf dem Platz, mehr aber auch nicht. Shevchenko in der 23. Minute mit einem sehenswerten Querschuss, dem leider unnützesten Schuss, den das Fußballrepertoire aufzubieten hat. 39. Minute: Ibrahimovic trifft auf der anderen Seite den Pfosten. Fantômas war zweimal im Stadion, einmal bei den Zuschauern, einmal auf dem Feld.

Zack.Zack.Zack. In der zweiten Hälfte fallen die Tore. Zlatan in der 52. nach feinem Zuspiel von Källström. Kurz, flach und tödlich den Fuß drangehalten, 0:1. Aber drei Minuten später ein Kopfball von Shevchenko zum Ausgleich, in der 62. schließlich ist er wieder per Kopf zur Stelle nach einer Ecke. Die Ukraine tobt, ich sortiere weiterhin die Farbenzugehörigkeit nach, Janukowitsch springt auf der Tribüne beinahe den UEFA-Michel an.

Die Dreikronen nun entkorkt und vollkommen perplex. Erst gegen Ende rollen ein paar Angriffe, doch Elmander gewinnt gegen Wilhelmsson das Duell, wer zum Verschießen antreten darf und Mellberg lupft zu hoch. Aus. Vorbei. Och, Schweden!

Bei dieser Europameisterschaft reiße ich im Tippen aber mal so was von gar nichts. Du müsstest eigentlich auf Spielausgänge setzen, da lacht dich der Browser aus. Ich war so stolz, dass ich bei dieser Begegnung mutig auf ein Unentschieden gesetzt hatte – und dann das. Ein Gutes hat es aber doch: ich habe bei der kicker EURO Superstecktabelle aus Dummheit das zweite Ukraine-Wappen herausgeknibbelt, was ja nur gebraucht wird, wenn die Gastgeber auch das Viertelfinale erreichen. Das scheint seit heute nicht mehr ausgeschlossen zu sein.

Ukraine – Schweden (Vorbericht)

Leser dieses Tagebuchs kennen mein herzliches Engagement für Diktaturen, die ihren Untertanen begeisternde und regimetreue Reportagen zu Fußballgroßereignissen bieten wollen. 2010 und 2011 berichtete ich für die nordkoreanische Fachpublikation PPP (Prima Propaganda Pjöngjang), doch mein Vertrag wurde leider nicht verlängert. Wahrscheinlich, weil ich Kim Jong-Uns Frühwerk „Der kleine Pups fährt um die Welt“ letzten Endes  zu wenig  journalistische Aufmerksamkeit entgegengebracht habe. Damals hat allerdings auch noch der Papa die Rechnungen bezahlt.

Nun aber darf ich verkünden, dass ich von Oleg Wolodymyrowytsch Blochin, dem Trainer der ukrainischen Auswahl, Witterer und Aufdecker großer Verschwörungen höchstselbst engagiert wurde, um für das regierungsnahe, hartnäckig investigative Sportmagazin Prawdanjet (ein Wort, das wurde mir mehrfach eingebläut) tätig zu werden. Hier mein erster Teaser:

Schweden ist der erste Gegner unseres allseits umjubelten und gefeierten Kollektivs. Doch was wissen wir wirklich über die Schweden? Wenig. Denn sie leben ganz woanders als wir. Groß sind sie. Blond sind sie. Blaue Augen haben sie. Ihre Namen enden gerne auf  -son, -ström oder -kvist. Wie passt dann ein Zlatan Ibrahimovic in ihre Reihen? Absolut vertrauenswürdige, aber der Anonymität verpflichtete Quellen weisen darauf hin, dass Ibrahimovic eventuell kein Mensch, wahrscheinlich nicht mal ein Mann, aber fast ganz sicher kein Schwede sein kann. Leitet die UEFA deshalb entsprechende Untersuchungen ein? Nein. Es wird noch mysteriöser. Ernstzunehmende Hinweise verdichten sich immer mehr zu der Erkenntnis, dass sich die schwedische Auswahl ausschließlich vom geschnetzelten Fleisch des Elches ernährt, dem wahre Wunderkräfte nachgesagt werden. Doch untersucht die UEFA diese verdächtige Nahrungszufuhr auf Spuren von Doping? Nein. Man weigert sich, wissenschaftlich längst vorliegende Beweise zu akzeptieren, die eindeutig belegen, dass Elche übernatürliche Wesen vom Planeten Sirius sind, deren Kraft und Ausdauer durch behutsam langsames Kauen ihrer Fleischprodukte übertragen werden kann. Wiktor Fedorowytsch Janukowytsch, unser Präsident der Herzen und Verschmäher von Schweinereien jeder Art, hat bereits angekündigt, im Falle einer Niederlage unserer ehrlich und hart arbeitenden Mannschaft eine Untersuchungskommisson einzusetzen, die alle erzielten Tore und Punkte des Gegners für null und nichtig erklären wird. Die Wahrheit wird ans Licht kommen! Kauft Prawdanjet. Denn mit PR wird Leben besser. Schon heute. (M. Inishmore für Prawadnjet)

Was man von der Ukraine wirklich wissen muss: sie spielen mit ihrem vierten Torhüter. Die ersten drei haben sich entweder verletzt oder wurden wegen Dopingverdacht gesperrt. Mein Enthüllungsbericht für Prawdanjet dazu folgt noch, wenn die Begegnung heute krachend in die Hose gehen sollte. Die meisten aus dem Kader verdienen ihr Geld in der ukrainischen Liga, außer ein paar Oligarchen in der VIP-Lounge weiß also niemand, was sie wirklich können. Deutschen Augen und Ohren bekannt vorkommen müssten: Anatoliy Tymoshchuk (Bayern München), Andrey Voronin (u.a. ex-Leverkusen) und Andriy Shevchenko (u.a. ex-Weltstar). Ich schreibe jetzt nichts über Stärken und Schwächen, die sollen mich erst mal überzeugen.

Bei den Dreikronen ist alles auf Zlatan ausgerichtet, der mittlerweile zum sechsten Mal hintereinander zu Schwedens Fußballer des Jahres gewählt worden ist. Taktisch spielt er aktuell hinter der einzigen Spitze Elmander, weil er ganz vorne zu isoliert agiert und bockig wird, wenn niemand seine Weltklasse erkennt und anspielt. Markus Rosenberg steht ebenfalls im Aufgebot, aber auch im Schatten von Ibrahimovic, weshalb wir den Bremer wohl nie sehen werden. Persönlich finde ich Mikael Lustig noch erwähnenswert, aber rein aus Gründen der Namensputzigkeit.

Der letzte große Erfolg der Schweden war übrigens bei einer EM, nämlich 1992 im eigenen Land, wo man das Halbfinale erreichen konnte und gegen unsere Elf ausschied. Seither mache ich in jedem Tagebuch Witze darüber, dass sie nach der Vorrunde oder spätestens in der ersten Ausscheidungsrunde nach Hause fahren. Wovon ich auch dieses Jahr ernsthaft ausgehe.

Frankreich – England 1:1 (Nachbericht)

Ich mach mir ernsthaft Sorgen um Thomas Wark. Verwechselt französische mit englischen Torhütern, sieht Phantom-Ecken, läutet die Pause mit der entschlossenen Spielstandsverkündung von 0:0 ein und schmeißt gegen Ende sogar Gijon und Cordoba durcheinander (die liegen nicht einmal auf demselben Kontinent!). Hat da wer die Tage zuvor zuviel in der Autobiografie „Wolf-Dieter Poschmann: Gestammelte Weisheiten – ich sehe was, was du nicht siehst“ geschmökert? In jedem Fall von mir gute Besserung.

Zum Spiel, das man locker nach dem 0:0 1:1 zur Halbzeit hätte abpfeifen können: in der 14. Minute vergisst Milner, wie man ins leere Tor einschiebt. Üblicherweise ein Zeichen dafür, dass die Engländer verlieren, denn ohne Drama geht bei denen ja nicht. Aber es kommt anders: ein Freistoß eine knappe Viertelstunde darauf landet auf der Narbe von Lescott, der aus günstigster Nähe einnickt.  Der Ball war allerdings solange in der Luft, dass Blogberichterstattungskollege Frédéric sich in der Zeit wahrscheinlich drei brillante Metaphern zur Beschreibung der betörenden Wuchtbrummigkeit von Philippe Mexès ausgedacht hat. In der Runde kommt die Frage auf, ob Ribéry mit der Wange zurückschlagen wird.

Nein. Es ist Nasri, der in der 39. Minute mit einem verdeckten Schuss für den Ausgleich sorgt. Die Franzosen bemüht, aber der rechte Flügel wird den Großteil der 90 Minuten derart konsequent gemieden, als würde dort die olle Marine Le Pen grasen. Ich mag gar nicht zählen, wie oft auf dieser verwaisten Seite ein flott desillusionierter Franzose umsonst herumtrabte.

Das war’s im Großen und Ganzen. Ein paar Chancen für die Franzosen, Joe Hart im Tor wackelt bei mancher Flanke, kommt aber nicht ansatzweise an die großen Spaßvögel unter seinen Vorgängern heran. Man ist sich schnell einig, dass ein Unentschieden eine prima Sache sein muss. Warum, weiß ich auch nicht so genau. Wenn der Schwede gleich die Ukrainer wegbröseln sollte, wird es für einen der beiden heutigen Gegner knapp. Ich würde die Franzosen gerne weiterkommen sehen, die zumindest in den letzten 10 Minuten wenigstens noch etwas versuchten, bevor sie in der Nachspielzeit austesteten, wie lange Schiedsricher Rizzoli quälend langweiliges Spiel weiterlaufen lässt.

Frankreich – England (Vorbericht)

Revolution bei den Franzosen! Dieses Mal will man tatsächlich eine Mannschaft und einen Trainer zum Turnier entsenden. Ja, ist wirklich wahr, ich bin auch vollkommen perplex. Wie kommen die nur auf solche Schnapsideen? In Südafrika war man noch mit einer Meutertruppe und einem Trainer-Double angetreten, die beide vorgaben, etwas mit Fußball zu tun zu haben. Den wiederum wollten die Burschen schon im Training gar nicht spielen und während des Turniers auch nur mit gehörigem Widerwillen. Übungsleiter Domenech hingegen studierte eher Sternkonstellationen, stellte Spieler streng nach Schuhgröße sortiert auf und freute sich über Unentschieden und knappe Niederlagen, weil ihm keiner gesagt hatte, dass Siege zusätzliche Punkte bringen. Rein vom Unterhaltungswert kann es dieses Jahr also nur schlechter werden.

Laurent Blanc ist der neue Mann an Bord, der die Geschicke der équipe tricolore leiten soll. Weltmeister von 1998, Europameister von 2000, Englischer Meister 2003. Allein schon der Name verspricht französische Raffinesse und Lässigkeit, das reimt, das klingt, das perlt. Könnte man so gar nicht im Deutschen nachahmen, höchstens vielleicht in Form der behelfsmäßigen Namenskonstruktion Miami Weiß. Im August 2010 nominierte Blanc gleich mal alles, was nicht in Südafrika gespielt hatte, schüttelte ein paar der Revoluzzer  durch et voilà – schon qualifizierte sich  der Tross souverän für die EM.

2198 Tage wartet die Grande Nation nun bereits auf einen Sieg bei einem großen Turnier. Das sind 52752 Stunden,  3 165 120 Minuten oder 189 907 200 Sekunden. Ich liebe es ja, wenn irgendwelche Statistikfutzis solche Zahlen ablassen. Als ob man alle paar Tage die Chance bekommt, bei einer EM oder WM ins Tor zu treffen. Letzten Endes sind solche Zahlenkolonnen nur dazu da, Mitleid und fußballerisch unbedarfte Mütterchen zu erregen, die während der Partien sodann störrisch und empört mit dem Stock auf den Fernseher klopfen und laut „Menno, jetzt lasst doch auch mal die Blauen ein Tor schießen“ ausrufen.

Vom Talent her müsste Frankreich ein gutes Turnier spielen. Hugo Lloris ist ein junger, aber bereits kompletter Keeper, dem lediglich sein Torwarttrainer noch das Prädikat internationale Klasse entzieht. Der wiederum heißt allerdings Fabien „le clown“ Barthez und war seinerzeit oft bemüht, französische Siege nicht zu leicht aussehen zu lassen. Starke Leute auf den Außen (Debuchy, Evra), im  Mittelfeld die Kreativspieler Ribéry und Nasri sowie Multitalent Malouda, vorne der bei Madrid erstarkte Benzema. Da müsste was gehen, wenn keiner verkrampft. Was leider gerne mal passiert. Vor allem der bayrische Franck denkt oft zu viel, da sollte er sich Hilfe von seinem Chef Kaiser Franz holen, dem man das bei seinen Experteninterviews nun wahrlich nicht vorwerfen kann. Ich glaub dieses Jahr an die Franzosen.

An die Engländer hingegen aus Prinzip nicht. Obwohl sie es einem diesmal fast schon zu leicht machen. Die schönste Geschichte im Vorfeld der EM war für mich jene von Wayne Rooney. Podgorica in Montenegro, 7. oktober 2011: noch knapp 15 Minuten sind zu spielen, England führt mit 2:1, man benötigt nur ein Unentschieden für die endgültige Qualifikation. Da tritt die Rooney-Bulle anlasslos einem Gegenspieler herzhaft von hinten in die Beine, der deutsche (ja klar!) Schiri Wolfgang Stark schickt ihn mit Rot vom Platz. „Prima“, denkt sich der Wayne, „mach ich früher Feierabend, sortier mir in aller Ruhe die Haarimplantate neu und strulle entspannt ins Entmüdungsbecken“. Bis ihm jemand erklärt, dass er die Sperre für seine Karte WÄHREND DER FRICKIN‘ BLOODY EUROPEAN CHAMPIONSHIP abzusitzen hat. Ursprünglich drei, später reduziert auf zwei Spiele muss der Stürmer nun draußen bleiben. Eine Geschichte, die zeigt, dass Intelligenz bei englischen Kickern nicht gleichmäßig verteilt ist und dass man die Three Lions eigentlich per Wildcard zu jedem Turnier einladen sollte, weil sie einfach die witzigsten Dummheiten anstellen.

Auch die Briten haben sich einen neuen Trainer gegönnt, nachdem Fabio Capello zurückgetreten war. Capello hatte sich sich schützend vor seinen Kapitän John Terry gestellt, der vom Verband wegen Rassismusvorwürfen gegen Anton Ferdinand seines Amtes enthoben worden war. Das mit der Intelligenzverteilung  im Kader hatte ich schon geschrieben, oder? Jedenfalls steht nun Roy Hodgson an der Spitze, ein weitgereister Mann und Inbegriff des britischen Gentleman. Wenn zum Pausentee gerufen wird, dürfte wirklich auch Pausentee serviert werden. Dann hält sich Hodgson mit gespreiztem kleinen Finger am Henkel seines Tässchens fest und murmelt „Oh dear, we are about to lose. What to do, what to do? Mortimer, fetch me another cup please“, während Butler Mortimer dem kleinen Wayne einen neuen Beißring einsetzt. Was ich sagen will: ich glaube, der Roy ist nicht hart genug für eine EM.

Peter Crouch, der schlaksige Stürmer, der mit Rooney jahrelang das fußballerische Pendant zu Pat & Patachon bildete, wurde nicht mehr nominiert.  Mittelfeldmotor Frank Lampard vom Champions League-Sieger Chelsea fällt verletzt aus. Im Tor steht Joe Hart, der – das bemühen sich alle Journalisten klarzustellen – ein guter und zuverlässiger Keeper sein soll. Für englische Verhältnisse, wird dann rasch hinzugefügt. Man kennt ja seine Schlawiner. Ich sehe in der Mannschaft jetzt keinen, der mich groß überraschen könnte. Es ist wohl eher mit deftigen Abwehraktionen und heftigem Gemauere zu rechnen.