Russland – Tschechien (Vorbericht)

Ein kleiner Hinweis vorab – ich schreibe diesen Eintrag vor der offiziellen Eröffnung mit Polen gegen Griechenland. Sollte diese Partie zum Fußnägelerweichen langweilig gewesen sein, weiß ich das in diesem Moment noch nicht. Man möge mir in diesem Fall die gleich einsetzende Begeisterung verzeihen.

Hurra! Die Russen sind wieder da!“ Hört man ja eher selten, diesen Ausruf, wenn ich so darüber nachdenke. Aber in Sachen Turnierbeteiligung trifft er zu. 2010 bei der WM hat man einfach mal ausgesetzt, aber für die Europameisterschaft dieses Jahr hat es gereicht. Nicht nur deshalb sind sie ein Mysterium, die Kicker aus dem Reich des Putin. 2008, damals noch unter Guus Hiddink, eroberten sich die Racker bei mir den Ruf der wuseligen Rasenzylonen, als sie erst die Schweden, später im Viertelfinale gar die Niederländer auseinandernahmen. Schnell, effizient, eingespielt, emotionslos, tödlich. Stellt sich die Frage, ob Russland unter Dick Advocaat an diese Tradition anknüpfen kann.

Was wissen wir über die Roten aus dem Osten? Wie üblich so gut wie nichts. Warum? Na, die spielen zum allergrößten Teil unter sich in der russischen Liga. Und ernsthaft: wer guckt die hierzulande schon außer Gazprom-Mitarbeitern und beinharten Kevin Kuranyi-Fans? Ausländische Vereine sind zwar auch vertreten, aber der FC Fulham und Sporting Lissabon sind nun nicht gerade international hell aufleuchtende Fokus-Hochburgen des Fußballs. Relativ bekannt sein dürfte noch Andrey Arshavin, der zeitweise bei Arsenal London angeheuert hatte; mittlerweile aber kickt der 30-jährige, der nach Ende der 90 Minuten meistens ein sympathisches Heintje-Heulen im verschwitzt roten Gesicht trägt, bei Zenit St. Petersburg. Freunde des Stuttgarter VfB werden zudem Pavel Pogrebnyak wiedererkennen, diesen überaus gelungenen Versuch, die Bundesliga über die wahren Fähigkeiten von russischen Stürmern im Unklaren zu lassen. Der Rest ist halt das berüchtigte Kollektiv mit sehr gut ausgebildeten Torhütern, einer dezent überalterten Verteidigung und einer wuseligen Offensive. Eine Truppe also, die ein wenig an die Borg aus Star Trek: The Next Generation gemahnt. Prima organisiert, immer noch mit der Befähigung ordentlich reinzuhauen, eventuell schrecken sie aber nach all den Jahren auch keinen mehr bzw. fallen auf uralte Tricks ein, wenn man ihre Automatismen aushebelt. Siehe Star Trek VIII.

Tschechien komplettiert das Feld der Teilnehmer der Gruppe A, die ich gerne „den Ostblock dieser EM“ nennen möchte. Wobei man nicht vergessen darf: eines dieser Teams wartet auf die DFB-Elf im Viertelfinale. Was würden Nostalgiker jubeln, wenn es die Tschechen wären, denen wir bekanntlich beim letzten Erfolg 1996 im Finale ganz bös ein Golden Goal reingekullert haben. Kullern ist diesmal aber definitiv nicht drin, denn im Tor der Tschechen steht Petr Cech, die erfolgreichste Kopfbedeckung im internationalen Vereinsfußball in dieser Saison. Der Mann fängt üblicherweise alles weg und könnte einer der Stars dieses Turniers werden. Dafür müsste man allerdings schauen, dass vorne auch mal eine Kugel reinrollt, denn Elfmeterschießen gibt es erst ab dem Viertelfinale und mit dreimal 0:0 übersteht man schwerlich die Vorrunde.

Genau hier wird es schwer. Im kreativen Offensivmittelfeld schaltet und waltet weiterhin Tomas Rosicky, der allerdings auch nicht mehr der Frischeste beim Ballverteilen ist. Wenn er allerdings Pavel Nedved, Karel Poborsky oder Jan Koller in seine Pässe miteinbezieht, ist Vorsicht geboten. Denn die spielen alle längst nicht mehr. Stattdessen hoppelt vorne im leichten Trab der alte Strafraumgaul Milan Baros herum, der seine besten Zeiten leider auch schon hinter sich hat. Wo Polen deutsche Meister in allen Teilen hat, besitzen die Tschechen eher Bundesligadurchschnittsware. Jaroslav Drobny (HSV) als Ersatzkeeper, Roman „Eigentor“ Hubnik (Hertha BSC) und Michal Kadlec (Leverkusen) in der Abwehr, Petr Jiracek (Wolfsburg) im Mittelfeld und im Sturm Tomas Pekhart (Nürnberg). Die lösen bei mir jetzt allesamt weder Ekstase noch Ehrfurcht aus.

Zum Schluss der Tipp. Außer einem Kantersieg der Tschechen dürfte hier alles drin sein. Pessimistische Realisten setzen auf ein 0:0 und damit auf entsprechend lahm auftretende Russen bzw. einen Cech im Unüberwindbar-Modus. Es riecht mir irgendwie nach Unentschieden. Aber wahrscheinlich strafen mich die Russen wieder Lügen und bügeln alles nieder. Denn das war nämlich der Trend vor vier Jahren: jedesmal, wenn ich über die Burschen lästerte, haben sie aufgedreht. Spätestens vor einem Viertelfinale gegen uns werde ich sie also in höchsten Tönen loben müssen.

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2 Gedanken zu “Russland – Tschechien (Vorbericht)

  1. Na super, ich nahm mir deinen Tipp („es riecht nach Unentschieden“) zu Herzen und tippte auf 1:1. Und nu sind nichtmal 30 Minuten gespielt und die Russen liegen 2:0 vorne. Für mein Tippspiel sehe ich jetzt schon schwarz, da ich vorher natürlich auf einen Sieg der Polen gesetzt hatte… Pessimismus macht Spaß – und dein Blog wie üblich auch 🙂

    • Alte Weisheit der Leser dieses Tagebuchs: Traue niemals meinen Tipps! Ich habe schon das Eröffnungsspiel mit 5 Euro Lehrgeld bezahlt. Aber es freut mich, dass das Gelesene gefällt. Das lindert den Schmerz über den finanziellen Verlust.

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