Polen – Griechenland 1:1 (Nachbericht)

Tom Bartels ist der Mann für die Emotionen am Mikrofon. Bei vergebenen Chancen heult er auf, selbst bei Toren schwingt leise Verzweiflung im Jubel mit. Dieser Emo der Reporterkabine  sollte heute seinen großen Tag haben. Ein vergebener Elfmeter; zwei Platzverweise; ein kurz vor dem Turnier verstorbener Vater eines polnischen Nationalspielers; ein alter Torwart, der seine Schwächen kaschiert; Spieler, die körperliche Nähe suchen; andere, die sie zurückweisen und schließlich die Großeltern von Damien Perquis, die – wenn ich es richtig verstanden habe-  beide in Frankreich spielen.  Tolle, zu Herzen gehende Geschichten allesamt und darüber hinaus ein so nicht erwartetes Spiel.

Zunächst ein paar Gedanken zum Vorab-Tralala. Wissen muss man Folgendes: Gier und Hunger sind die neuen Trendworte im Fußball, beide müssen unbedingt in Vorberichten fallen. Wille und Einsatz sind von gestern. Die Eröffnungsfeier bestand aus Hutwedeln, einem Klavier, dem Vangelis von Osteuropa sowie Badekappenmode und Regenschirmfolklore. Es war wirklich schön… kurz.

Bei Griechenland sitzt zunächst Kyriakos Papadopoulos auf der Bank. Sauerei. Der hätte doch beim Intro-Posing zur Vorstellung der Mannschaft eine tolle Figur gemacht. Beim Rest sah das eher aus wie Wrestling ohne aufgepumpte Muckis. Dafür lief Two Steps from Hell mit „Heart of Courage“ als Einlaufmusik. Kann man so bringen. Zum Schluss noch folgender Hinweis für US-Serienjunkies: ich finde Theofanis Gekas sieht immer mehr aus wie Randy aus My Name is Earl. Hat mich die ganze Zeit nicht losgelassen, dieser Gedanke, deshalb muss ich ihn hier jetzt aufschreiben.

Nun aber zum Spiel: die Polen druckvoll, Griechenland wie erwartet abwartend. Nach etwa 10 Minuten bekam ich so langsam das Gefühl, dass die griechische Abwehr ohne den Schalker Papa demnächst kollabieren wird. 17. Minute: Dortmund schießt das 1:0 – Piszek auf Kuba, dessen Flanke nickt Lewandowski ein. Kloppo hat sich in dem Moment sicher unbeobachtet vom Rasierapparat-Sponsor heimlich ein paar Barthaare ausgerupft, denn die drei Spieler schienen von nun an in der Haltung kostspieliger zu werden. Mein Gedanke war: „Feierabend, was soll da jetzt noch passieren?“

Okay, Platzverweis für Griechenland. Nicht fair, nicht ganz nett. Aber der Schiri hatte wohl seine Quote zu erfüllen. Zu Beginn der zweiten Hälfte hatte ich schon im Moment der ersten Pässe der Polen dieses Bild von Heimschaukeln im Kopf.  Später kommt endlich der blau-weiße Papadoupolos und prompt steigert sich das Spiel der Griechen um gefühlt einen Sparta-Krieger. Nein, natürlich nicht. Freistöße, Flanken, Ecken sind die Hoffnungsträger der Hellenen. Aber Samaras und Gekas vorne dürften mit ziemlicher Sicherheit nicht Torschützenkönige in diesem Turnier werden.

51. Minute: Die Griechen fahren den ersten blitzsauberen Angriff, nach dessen Flanke der Ball alleine und einsam auf den eingewechselten Salpingidis wartet und ruft, dass er doch reingemacht werden möge. Auch wenn der gute Mann das letzte Mal vor 6 Jahren Torschützenkönig war, das Ding lässt er sich nicht nehmen. Nun klappt bei Polen gar nichts mehr, selbst der vollkommen harmlose Samara darf mal grob Richtung Tor schießen. Eine Gelegenheit, die man nicht mehr mit gutem Willen, sondern nur noch mit blanker Panik erklären kann.

69. Minute. Elfmeter für Griechenland, rote Karte für Szczesny. Salpingidis wieder vogelwild alleine. Das darf doch nicht sein. Klar, er sieht harmlos aus, er ist Grieche, aber dennoch: ein bisschen die Chancen erarbeiten sollte sich der Gegner schon. 71. Minute: Tyton, der Ersatzmann und 1,95 Meter-Schlaks, taucht in die richtige Ecke ab. Alles nimmt der Grieche dann doch nicht mit, dazu ist er zu stolz.

Am Ende ein nicht unverdientes 1:1. Ich habe die ersten 5 Euro schon mit dem ersten Tipp verloren, dafür hat Jogi Löw ein weiteres Spiel, das er in sein Video-Kompendium „Hökschte Konzentration!“ einbinden kann. Denn wenn die Polen nicht locker gelassen hätten, wäre ein 2:0 gegen den 38-jährigen Kaschierkönig im Tor der Hellenen machbar gewesen.

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