Ex Oriente Ludi

Gemeinsam Geschichte schreiben“ ist das offizielle Motto dieser Europameisterschaft. Wow, da hat sich irgendein rasch aufgescheuchter Marketinghaufen augenscheinlich und aufrichtig keinerlei Mühe gegeben. Oder man hat alternativ den von der ukrainischen Regierung vorgeschlagenen Slogan „Alleine Geschichte rückgängig machen“ etwas, äh werbefreundlicher umformuliert. Meine weiteren, ähnlich sinnlosen Vorschläge wären „Unsere Zeit ist jetzt“, „Lebe den Traum“ oder „So muss balla-balla“ (eine  Kooperation mit Saturn für die Mediamarkt-Werbung, in der sich diese unsäglich dämlichen Puppen dann wohl gegenseitig an ihren winzigen Stoff-Hodensäckchen ziehen). „Gemeinsam Geschichte schreiben“ – das liest sich ein wenig, als hätte im Osten noch nie zuvor jemand gegen einen Ball getreten und nun, mit dem Segen der UEFA, versucht man es halt einmal. Oder man bezieht in der Ukraine voller Stolz die historische Leistung auf explodierende Flug- und Übernachtungspreise bzw. staatlich erzwungene Vermietung von Studentenbuden („1 Zimmer mit integrierter Küche und Bad. Ruhige Lage, edles Wohndesign in aschfahl-grau mit reizvollem Blick auf den Zellentrakt unserer ehemaligen Ministerpräsidentin. Bitte keine Fotos!“).

Wie auch immer, ich habe mein eigenes Motto gefunden. Beziehungsweise übernommen. Ganz trendy von einem Doktor, nämlich dem Mitsaarländer und ehemaligen Chefankläger beim DFB, Horst Hilpert, der in seiner Dissertation mit dem Titel „Die Geschichte des Sportrechts“ (und dieses mit Lieferung bereits vervollständigte Werk kaufen wir uns nun alle zur Buße, wenn wir auch dieses Mal das Panini-Album wieder nicht vollkriegen sollten) den Satz prägte: „Ex oriente ludi“ – Aus dem Osten kommen die Spiele. Hilpert meinte damit zwar die Ursprünge des Sportrechts und hatte eher Ägypten und Mesopotamien, also den heutigen Irak im Sinn, aber für mich passt dieser Satz auf diese EM so wunderbar wie Lothar auf Ludmilla. Überhaupt würde ich den werten Dr. Hilpert, der es damals u.a. geschafft hat, Andreas Möller auch außerhalb des Fußballplatzes zum Weinen zu bringen, gerne als Oberschiri bei der EM sehen. Ich stelle mir das so vor: thronend in der original „Der große Preis“-Kandidatenkugel würde er über dem Feld schweben und sofort drastische, aber höchstvernünftige Urteile aussprechen wie Geldstrafen in Millionenhöhe für jede alberne Pose von Cristiano Ronaldo, eine gelbe Karte wegen langweiligen Spiels, wenn Arjen Robben zum x-ten Mal mit dem Ball von rechts außen nach links parallel zum Strafraum dribbelt oder knallhart zu Beginn jedes Spiels einen 15-minütigen Feldverweis für die komplette squadra azzurra wegen der unsagbaren Blödheit, sich schon wieder pünktlich vor einem Turnier einen Manipulationsskandal eingefangen zu haben.

Eine weitere frühzeitliche Regel aus dem Werk von Dr. Horst Hilpert, die mich allerdings alarmiert hat, lautet hingegen „Wer tot ist, hat verloren“. Was für einen riesigen Aufruhr im kroatischen Lager sorgte, wo bekanntlich die Herzkranzgefäße vor Nationalstolz bersten und man mindestens bis zum Tod zu kämpfen pflegt. Von daher nicht wundern, wenn während der Partien der Balkankicker desöfteren die Teamärzte mal aufs Feld laufen und den Puls prüfen, Ruhepausen bei Herzstillstand verordnen oder auf dem Boden liegengebliebene Spieler still und heimlich mit kleinen funkgesteuerten Defibrillatoren ausrüsten.

In der Tat ist der Trend gen Osten nicht aufzuhalten. 2002 Fernost mit Japan und Südkorea, 2022 Nahost mit Katar und nun als Zwischending NahNahOst mit Polen und der Ukraine. China könnte übrigens auch demnächst teilnehmen, denn machen wir uns nichts vor: zu Europa mögen sie geografisch zwar nicht gehören, dafür gehört ihnen aber Europa praktisch schon jetzt. FernFernOst wird übrigens knifflig, wenn man nicht an Amerika stoßen will. Der Inselstaat Vanuatu im Südpazifik wäre eine Option, aber da seien der FIFA-Sepp und der UEFA-Michel mit ihrem tüchtigen Geschäftssinn davor. Denn dort würde ja keiner die Spiele sehen, sondern nur runterladen. Auffallend auch: es geht bei den Europameisterschaften immer öfter in Länder, die nicht gerade zu den höchstgewetteten Favoriten auf den Fußballthron zählen. Siehe Schweiz und Österreich 2008. Portugal 2004. Schuld sind wohl die Franzosen, die anno 2000 kackfrech nach der WM auch noch die EM für sich entschieden konnten. Das glaubt einem heutzutage keiner mehr, der die Truppe 2010 in Südafrika erlebt hat. Was wohl auch der ausschlaggebende Grund war, Frankreich als Veranstalter der EM 2016 auszuwählen. So schließt sich der Kreis.

Die Polen sind übrigens zurecht sauer wegen des Imageschadens, den die Ukraine dem Turnier zufügt. Das Dilemma muss man sich so ein bisschen vorstellen, als hätten wir damals 1988 die EM zusammen mit der DDR austragen müssen. Man organisiert, putzt sich heraus und präsentiert sich schnieke, doch der rückständige Nachbar im Osten versaut es einem, weil man es dort versäumt hat, die Diktatur noch rechtzeitig zum Eröffnungsspiel abzuschaffen. Oder wenigstens FIFA bzw. UEFA daran zu beteiligen. Eine ärgerliche Sache. Alleine deshalb drücke ich den Polen in der Vorrunde ein bisschen die Daumen. Schließlich ahne ich jetzt schon, welchen Witz Matze Knop bei Waldi am kommenden Freitagabend als erstes bringen wird: „Die Eröffnungsfeier mit dem Feuerwerk war ja schon prima, stimmungsvoll und vor allem kostengünstig. Die haben einfach die ganzen gestohlenen Autos angezündet.“ BRÜLLER!

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2 Gedanken zu “Ex Oriente Ludi

  1. „…als hätten wir damals 2008 die EM zusammen mit der DDR austragen müssen.“
    1988 meinst du wohl. 😉

  2. Genau. Mann, ich habe den Fehler beim Lesen des Entwurfs gesehen und hätte schwören können, ihn korrigiert zu haben. Habe ich dann auch irgendwo, aber nicht in WordPress. Danke für den Hinweis.

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