EM-Vorbereitung: Mit Brusthaar gegen Huntelaar

Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch ist wieder der offiziellen Anstoßzeit am 8.6. um 18:00 Uhr weit voraus und prescht sinnlos nach vorne wie ukrainische Sicherheitskräfte, wenn sie im Stadion Zuschauer mit orangefarbenen Schals entdecken. Wem der nun folgende Beitrag „Mit Brusthaar gegen Huntelaar“ gefällt, möge bitte  sharen, liken, den Zuckerberg anmailen, flattrn, twittern und was ihr coolen Kids sonst so macht.

Noch zwei Hinweise:

1) Wer beim Lesen an die Aktion „Dein Bart für Deutschland“ eines Elektronikkonzerns mit Sitz in Amsterdam denkt: damit habe ich nichts zu tun. Es würde mich aber nicht wundern, wenn die uns im Falle des Ausscheidens der DFB-Elf ganz dreist ihre gröbsten Schabmaschinen andrehen wollen. Und später unsere gesammelten, in Alkohol aufgelösten Tränen als Aftershave im „Schade Deutschland, alles ist vorbei“-Designfläschchen. Clever sind sie, die Niederländer. Pass auf, Kloppo!

2) Bei Erdge Schoss, dem legendären verlorengegangenen Spielmacher der Frankfurter Eintracht, gibt es in Zusammenarbeit mit meiner kompetenzfreien Wenigkeit ein wunderbares Tippspiel zur EURO 2012. Mit Preisen, über die sich Bastian Schweinsteiger definitiv mehr freuen würde als über beide Teilnahmemedaillen der diesjährigen Finalspiele in DFB-Pokal und Champions League zusammengenommen. Einfach mal vorbeischauen, anmelden und Tippfachwissen ablassen. Nun aber los!

Missmutig steht Joachim Löw vor dem Badezimmerspiegel und blickt an seinem nackten Oberkörper hinab. Mit den gespitzten Fingern seiner linken Hand richtet er das Brusthaar. Er wirkt enttäuscht. Nach kurzem Innehalten ergreift er schließlich diverse Pflegeprodukte eines langjährigen Werbepartners und kippt sie galant, aber entschlossen in den Ausguss. „Des hamma wieda nur dem Kaiser zu verdanke„, grummelt unser aller Bundeschtrainer, „nie kann d’r alt Babbeler au mol sei Maul halde„. Die Europameisterschaft vor Augen, den Titel im Sinn, die Technik im Schuh und das Ballgefühl in den Zehen, was sollte da noch groß schiefgehen?

Ja mei“, brabbelte der Kaiser in die gewohnheitsmäßig von seinem Wortschwall bereits schwer betäubte Reporterrunde am Abend zuvor, “der FC Bayern ist – und das woar schlimm, der Kalle ruft mi immer noch nachts an, weil er nicht schlafen kann – dahoam scho nicht Europameister g’worden. Mia san mia, äh und ohne uns ist äh, nix. Die Dortmunder und die and’ren Bursch’n sans auf internationalem Niewo viel zu brav und liab. So wie die Frau’n letztes Jahr. Geh, schaut’s euch an, wie war das denn domoals? Vor Beginn, ja, da war’ns gefühlte Weltmeister und was war? Na, nix. Spuil’n und kämpf’n müssen’s schon noch, die Bu’am. Sonst kann’s in der Vorrunde scho vorbei sein.” Dahin war die Vorfreude, erste Zweifel nagten an der Stimmung. Was war die Qualifikation denn nun eigentlich wert? Praktisch nichts, denn die anderen hatten sie ja auch geschafft. Aber die Testspiele? Wie etwa das 3:0 gegen die Niederländer? Jedoch, bei kritischer Überlegung: hatten die sich überhaupt gewehrt? Mindestens einmal herzhaft zugetreten? Fehlanzeige. Verdächtig. Das 3:2 gegen Brasilien? Wertlos, weil das Zuckerhutballett ja wieder nicht zur EM zugelassen worden war. Immerhin: das 1:2 gegen Frankreich durfte man getrost aus der Wertung herausrechnen, denn der Franzose war damals einfach noch nicht in Turnierform. Und der Schweizer ist eh unberechenbar, der schlägt gerne mal die Großen, scheitert dann aber an Honduras oder gleich an der Qualifikation.

Blanke Verunsicherung griff fortan in der Truppe um sich, das entging auch Jogi, Hansi und Andi nicht mehr länger. Ein Blick in die Mannschaftskabine sprach Bände:  Manuel Neuer beispielsweise klagte über plötzliche Angstschübe. Zwar hatte er sich daran gewohnt, dass sich sein Konkurrent Tim Wiese jeden Abend in die Privatgemächer der deutschen Nr.1 stahl und ihm – als Anspielung auf die verlorene Frauen-WM – als kleines japanisches Mädchen verkleidet in der Toilette auflauerte. Bei Betätigung des Lichtschalters kicherte er dem milde irritierten Neubayern ein „Hui. Tor. Hihi“ entgegen und huschte sodann gespenstisch in die Nacht davon. Nun allerdings hatte sich der Beinahe-Madrilene und Fast-so-gut-wie Mailänder  in Zusammenarbeit mit den Solarstudios rundum Hoffenheim und Umgebung die original Hauttönung von Didier Drogba ins Gesicht brennen lassen. Und das nächtlich dröhnende DROG-BA, DROG-BA, HALT-BAR, HALT-BAR  zerrte an Neuers Nerven.

Auch an Lukas Podolski war die Saison nicht spurlos vorbeigegangen. Mit vor Angst geweiteten Augen lässt er sich von Miroslav Klose „Prinzendämmerung. Endstation Hoffenheim“, die aufrüttelnde Biografie der einst besten deutschen Fußballspielerin Birgit P., vorlesen. Philipp Lahm hingegen schreibt heimlich an seinem nächsten Enthüllungsbuch und flechtet dabei unterschwellig vorbeugend Kritik am Trainerteam ein („Tolles Training! Hat Spaß gemacht. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Spaß von 2010 sind wieder da. Durfte aber nicht ans Kopfballpendel und bekam stattdessen Fußpflege. Warum lässt Jogi  mich nicht sich entfalten, warum engt er mich so ein? Will er seine Macht demonstrieren? Träume nachts oft von Julija“). Mario Gomez wiederum plagen Zweifel, ob seine Frisur auf höchster internationaler Ebene mithalten kann. Woraufhin ihm Löw umgehend einen neuen Stylisten zur Seite stellt und strengstens den Besuch beim Mannschaftspsychologen untersagt. Nicht, dass am Ende noch herauskommt, dass der Münchener im Unterbewusstsein seine fußballerische Klasse auf seine Frisur projiziert. Oder er gar vom Trainerstab die offizielle Bestätigung und Bewertung seiner Leistung während der EM 2008 oder der WM 2010 anfordert. Wer könnte die auf die Schnelle fälschen? Die jungen deutschen Mittelfeldhoffnungen schließlich diskutieren über Verletzungen, auf die man diskret zurückgreifen und infolge derer man sich vom Spielbetrieb abmelden kann, wenn es mal nicht so laufen sollte oder der Druck zu groß wird. („Schambein ist langwierig, gell, Mario? Ja, aber vom Reiben alleine kriegst Du es nicht, Marco.“)

Es musste eine Kampfansage her: eine Abgrenzung zur vermurksten WM der Frauen, ein Zeichen für Wildheit und Entschlossenheit. In Zusammenarbeit mit Silvia Neid – deren Aufstellung während der WM 2011 man zunächst einfach mit komplett gegensätzlichen Spielern ersetzte (woraufhin Manuel Neuer zwecks Abgrenzung zu Nadine Angerer einen Schminkkurs belegen musste) – wurden die sekundären Geschlechtsmerkmale als entscheidender Unterschied herausgearbeitet. Was bedeutete: ab Turnierbeginn herrscht Schnurrbartpflicht, strengstes Beinrasurverbot und Brusthaar raus, auch wenn es schmerzt. Der vorab informierte Schweinsteiger kündigte bereits an, sich den Gesichtspulli von Paul Breitner anno 1979 wachsen zu lassen, womit er trotz jüngster Krise seinen Stammplatz so gut wie gesichert hatte.

Gleich würde der deutsche Nationaltrainer zu seiner Mannschaft sprechen, sie aufrütteln, ihr Mut und Zuversicht einflößen. Auf den Notizzetteln hatte Hansi Flick, der Motivations-Poet des DFB,  Parolen voller Pathos, Hingabe und Durchschlagskraft erfunden: “NUR DIE BEHAARTEN KOMMEN IN DEN GARTEN“, “MIT BRUSTHAAR GEGEN HUNTELAAR“, “BÜSCHEL WEIT BIS ÜBERS KINNE RAUBEN CRISTIANOS SINNE“ oder „SCHUPPENDE MÄHNEN SCHOCKEN DIE DÄNEN“. Damit nicht genug. Manager Oliver Bierhoff höchstselbst hatte in jedem Zimmer des gebuchten Hotels Dwor Oliwski in Danzig sein unsterbliches Portrait aus dem Jahre 1996 namens WILD.EMOTION aufhängen lassen, auf dem er voll heulender Ekstase Brust und Haar gelüftet hatte.

Mit vollster Entschlossenheit raunt Jogi vor Verlassen des Badezimmers nochmals seinen Eröffnungssatz: “Männer, wir sind Männer.

Endlich konnte es losgehen…

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