Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 17

DEUTSCHLAND – TÜRKEI 3:2

Vorbericht

– Die Türken haben ohne Frage eine Nische im Fußball besetzt. Bisher war es auf der internationalen Bühne doch so, dass um die zwei gekonnt hereingestolperte Tore dem Gegner die Akzeptanz der Niederlage in Hirn und Bein trieben und ihn überzeugten, dass jetzt aber auch wirklich mal gut ist. In diesen Momenten setzte ich als Anhänger der hinten liegenden Mannschaft meist meine einzigen Hoffnungen auf einen zünftigen Torwartaussetzer nebst Anschlusstreffer – je peinlicher, desto besser. Obendrauf wünschte ich mir vielleicht noch einen Platzverweis für den besten Verteidiger. Bei den Comeback-Kids vom Bosporus ist aber alles anders: die fühlen sich pudelwohl, wenn sie hinten einen eingefangen haben, dann fängt das Spiel für die erst an.  Die Türken sind damit fußballerisch das Pendant zu einem frechen Lümmel, den man gerade übers Knie gelegt und den Hintern versohlt hat, der einem danach aber herzhaft mit Vollspann ein paar blaue Flecken ans Schienbein zimmert und mit ausgestreckter Zunge davonläuft. Michel aus Lönneberga war gestern, heute ist Emre aus Antalya.

Damit die Sache mit dem Hinten-einen-fangen auch sicher funktioniert, haben die Türken zunächst einmal den alten Strafraumclown Rüstü zwischen die Pfosten beordert. Strategischer Personalabbau wird schon im Vorfeld der Begegnung und nicht erst auf dem Platz betrieben, mich würde es nicht wundern, wenn Trainer Fatih Terim die letzten Minuten noch 3 Feldspieler rausholt, damit mehr Platz da ist. Ein perfides Durcheinanderschmeißen alt eingespielter Regeln.

– Wie gewinnt man nun gegen eine derart eingestellte Mannschaft? Trainerlegende George A. Romero hätte gesagt: „Typen, die ständig zurückkommen? Eine Portion Schrot in die Stirn gepfeffert und Ruhe is'“. Aber Schulterwaffen werden von der UEFA ja unverständlicherweise weiterhin nicht auf dem Platz zugelassen, obwohl sie sich bei osmanischen Freudenfesten als Stammgäste etabliert haben.

– Meinen ersten Tipp hatte ich ja schon unmittelbar nach dem Sieg der Türken gegen die Kroaten niedergeschrieben: einfach mal die Halbmonde das erste Tor schießen lassen und auf Verwirrungssynergien hoffen. Hätte auch den Vorteil, dass ich bei einem 0:1 entspannt auf die Couch sinken und sagen könnte: „Isch alles Taktik, der Jogi schlägt sie mit ihren eigenen Waffen, der alte Fuchs“.

– Zweiter Tipp: Spielerbezogenes Gegencomeback aufbauen. Ihr wisst alle, wen ich meine. 189 cm, Stürmer, zweiter Vorname Garcia, Trefferquote 0, Unterhaltungswert bei seinen bisherigen Einsätzen hoch (zumindest für gegnerische Verteidiger). Den Mann direkt zu Beginn bringen und 5 Sekunden vor Abpfiff unglücklich zum 1:0 anschießen lassen. Danach passiert nix mehr, damit kommt kein vernunftbegabter Spieler klar.

– Viel geredet und geschrieben wird natürlich über die Brisanz des Aufeinandertreffens der Fangruppen. Da bin ich schon sehr froh, im beschaulichen Saarland zu leben, dazu noch fernab einer größeren Stadt (obwohl sich die Begriffe Großstadt und Saarland eigentlich ausschließen). Als Reaktion auf türkische Siege packt hier der Dönermann vom Ende der Straße seine Sippe in den Auslieferwagen und tuckert sympathisch euphorisiert durchs Dorf. Ich steh dann schon wartend vor der Tür und rufe „Mehmet, alte Fleischrinde, wie habt ihr das denn wieder gemacht?“ und er lacht fröhlich zurück. Wenn wir heute Abend gewinnen sollten, gehen halt ein paar Leute rüber und nehmen die Dönerspieße über Nacht mit, damit er sich nichts antun kann. Südländer sind da ja sehr eigen, was Niederlagen angeht.

– Natürlich gab es im Saarland auch einen schweren Unfall im Zusammenhang mit der EM, wie die Saarbrücker Zeitung schockierend weitschweifig zu berichten wusste. Ein deutscher Fan hatte den Halbfinaleinzug gefeiert, indem er auf dem Beifahrersitz eines Cabrios stand und während der Fahrt vornüber auf die Straße gekippt war. Ergebnis: eine Gehirnerschütterung und diverse Prellungen. Für sowas Unspannendes findet sich bei den Türken aber bestimmt keiner, der das auf YoüTübe hochlädt. Was ich schreiben will: feiert, aber seid nett zueinander und wenn sich jemand als Ausdruck seiner Freude wirklich unbedingt verletzen möchte, dann bitte nur leicht und selbstverschuldet blöd.

Nachbericht

– Ich weiß nicht, ob es im Boxen den technischen K.O.-Sieg infolge moralischer Überrumpelung gibt, aber seit heute Abend weiß ich: im Fußball ist sowas möglich. F-I-N-A-L-E

– Dabei ging es gar nicht gut los. Nervös waren unsere Jungs, nix klappte, während die Türken tapfer noch vorne kombinierten und mir die Blässe ins eh schon blasse Gesicht trieben. Beim Lattenschuss durch Kazim Kazim hätte ich gar nicht genug Handfläche haben können, um mir die Augen zuzuhalten. Da schießt ein gebürtiger Engländer im Trikot der Türken fast ein Tor, ja wo sind wir denn?

– Knapp 10 Minuten später das 0:1. Mein trockener, kurzer Kommentar: „Verdient“. Erste Reaktion meines Bruders: „Ich hoff mal schwer, dass jemand von http://www.bundeschtrainer.de auf deinem Blog war und deine Taktiktipps übernommen hat“. In der Entstehung zwar glücklich bis ungewollt komisch, aber vom Spielverlauf her absolut in Ordnung gehend. Die Türken spielten wie die Kroaten, ich hab schon geguckt, ob der Robert denen heimlich ein Karomuster unter den Halbmond und den Stern auf dem Trikot gelegt hat. Wo wir bei Kleidungsstücken sind: ich ziehe meinen imaginären schwarz-rot-goldenen Cowboyhut respektvoll runter bis an die Schienbeinschoner vor diesen Türken, die wieder alle überrascht haben.

– Der Ausgleich wie aus dem Nichts. Genau deshalb beneiden beziehungsweise hassen uns die anderen Fußballnationen. Es läuft null, aber ein Angriff sitzt und das auch noch mit einer lässigen Außenristballanschnippelung, die einfach ausdrückt: „Rückstand? Na und, machen wir gleich mal nebenbei wieder wett“. Großartige Kombination zwischen Poldi und Schweini.

– Was mich genervt hat: die andauernde Schiri-Pfeifen-Simulation von den Rängen. Kann man das nicht unterbinden? Den original Triller vom Mann in Schwarz lauter stellen? Oder eine extra lizensierte Melodie abspielen lassen? Back in Black von AC/DC, Blackened von Metallica oder Stop in the Name of Love von den Supremes? Dann könnte man die Spassvögel im Publikum wenigstens wegen Urheberrechtsverletzung drankriegen.

– Wir lassen Sonden punktgenau auf dem Mars landen, aber von Basel zu mir ins Wohnzimmer kriegen die beim ZDF bei so einem wichtigen Spiel das Bild nicht auf die Röhre. Weil der Strom im internationalen Sendezentrum in Wien ausgefallen ist. Früher bei Aktenzeichen XY hat das beim Peter Niedetzky doch auch immer geklappt. Glücklicherweise haben die Nachfahren von Konrad Toenz ihren eigenen Kanal zur Verfügung gestellt. Was dem Urs Meier später wenigstens einmal die Anerkennung von Kloppo und Kerner eingebracht hat. Auf Eurosport lief übrigens Golf – den Kanal habe ich seit heute aus meiner Liste geschmissen, zu nix gut ist der.

– Nur hat dummerweise niemand dem Béla Réthy gesagt, dass er jetzt langsamer kommentieren muss. Da wäre der Poschi mit seiner altersbedingt eingebauten Wahrnehmungsverzögerung Gold wert gewesen. Für die Stimmung ist es natürlich doof, zwei Tore vorab in die Wohnung geschrien zu bekommen, wenn der Ball noch nicht mal den Fuß vom Flankengeber verlassen hat. Für das Elfmeterschießen wollte ich schon den Volksempfänger entstauben gehen.

– Klose mit dem 2:1 bestätigte wieder einmal wunderbar den Humor von Keeper Rüstü. Nix zu tun, aber immer für einen Gag gut. Blöderweise hat unser Lehmann samt Abwehr beim Ausgleich eine ziemlich gute Kopie des türkischen Keepers auf den Rasen gelegt.

– Aber dann, meine Herren! Der kleine Lahm, eben noch am Ausgleich beteiligt, doppelpasst sich eins mit Hitzlsperger und versenkt die Kugel pass- und zeitpunktgenau ins Netz. Das 3:2 türkischer als die Türken reingemacht, da muss doch Taktik dahinter gesteckt haben. Wahrscheinlich stand der Jogi doch vor Beginn der Partie an der Tafel und erläuterte die „Gegner in Führung gehen lassen, lässig ausgleichen, krassen Abwehrfehler zur Führung nutzen, Gegner rankommen lassen, kurz vor Schluss Siegtor machen, Gegner letzte Chance durch Freistoß geben und dann ganz lange Nase drehen“-Projektanordnung. Egal. Jetzt können die Russen oder Spanier kommen, die dürften uns vielleicht sogar ein wenig besser liegen. Die Türken können in jedem Fall hoch erhobenen Hauptes nach Hause fahren. Ich geh jetzt ermatteten und leicht beschwipsten Hauptes ins Bett.

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