Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 15

NIEDERLANDE – RUSSLAND 1:3 n.V. (1:1)

Vorbericht

– Als Hobbysoziologe möchte ich folgende Beobachtung zur Diskussion stellen:

Im Zuge der Wiedererstarkung des Schlandisierungs- gedankens wird die subliminal generierte Elftal-Sympathisierungsbewegung negativ beeinflusst, ja de facto konterkariert.

Will sagen: nach dem Sieg unserer Jungs im Viertelfinale finden plötzlich alle in meinem Bekanntenkreis die Holländer wieder doof und würden sich sowas von einen abgrinsen, wenn die von den russischen Rasenrobotern so richtig auseinandergenommen werden würden. Und das, obwohl vorher infolge der attraktiven Spielweise durchaus zarte Sympathiepflänzchen für unsere Nachbarn eingetopft wurden (siehe etwa hier).
Ist das ein Zeichen von Wahnsinn? Nein, DAS IST ‚SCHLAND!!!!

– Schadenfreude ist halt auch eine der deutschen Tugenden. Nach den Hochglanzportugiesen, die nach dem Abpfiff wie die Zeitung von vorgestern vom Platz getrottet sind und den Kroaten, die uns zwar geschlagen haben, aber nicht mal einen 1:0-Vorsprung gegen geschwächte Türken mit Vorwärtsbewegungsstörung für einen Zeitraum von 100 Sekunden halten konnten, wären die Oranjes der ideale nächste Kandidat zur Erweiterung der Reihe der gestürzten Favoriten. In der Vorrunde erst alles plattwalzen, um dann von 11 auf europäischen Festspielbühnen unbekannten und unglamorös frisierten Osteuropäern aus der Veranstaltung kombiniert zu werden. Damit wir Deutsche am Ende sagen können: „Freunde, es zählt erst, wenn’s um die Wurscht geht, vorher ist alles Käse“.

– Jetzt habe ich schon wieder nichts Nettes über die Russen geschrieben. Dabei waren das doch meine ersten Europameister der Herzen. Von der Partie gegen die Schweden habe ich ja nur Ausschnitte gesehen, weil parallel die Spanier meinen Geldbeutel noch mehr gefüllt haben. Den Arshavin fand ich aber richtig klasse. Der und dieser Pavlyuchenko wirbelten durch die Abwehrreihen wie Zylonen auf Speed, denen der Angriffscode

run
execute pass1
execute pass2
execute perfect shot into the far corner
activate emotion chip
gather for kick off
deactivate emotion chip
repeat

fest in die Platine eingebrannt wurde. Und nach dem Spiel blieb das Ermüdungsbecken leer und der Hiddink knippste reihum hinten die Schalter aus, bevor der Busfahrer alle Mann einsammelte und ins Lager stellte. Ein bisschen Angst machen die mir schon.

Nachbericht

– Ich schreib nix Schlechtes mehr über die Russen. Nein. Weil die mit jedem Spiel, wo ich sie vorab beleidigt habe, immer besser geworden sind. Am Ende schlagen die uns noch so im Finale. Seit heute ist alles möglich. Die Russen sind ganz toll. Basta.

– Zylonen sind die jungen Kerle allerdings doch noch keine, weil sie einfach zu viele Chancen auslassen. Hätten die die Effizienz der Italiener bei der letzten WM, die Holländer hätten schon frühzeitig mit den weißen Fahnen wedeln können. Aber wenn die Kiste getroffen wird, sitzt man als Zuschauer zuerst mal mit einem „wuswarndas?“ im Gesicht vor dem Fernseher. Wie der Pavlyuchenko die Hereingabe instinktiv zum 0:1 ins kurze Eck jagt, der Torbinskiy mit dem rechten Außenrist den Ball zum 1:2 hinter die Linie drückt und noch rechtzeitig dem Pfosten ausweicht (da war der rechte Fuß noch vorm Tor und der Rest des Körpers schon daneben), der Kolodin aus der Ferne draufhält, dass mir auf der Couch der Schlappen vom Fuß fällt – ich könnte noch stundenlang weitere geniale Aktionen aufzählen.

– Und die Holländer? Können nicht mal in Anspruch nehmen, dass sie in Schönheit gestorben sind. Erst wurden sie ihrer Leichtigkeit beraubt, haben dann den Respekt für den Gegner entdecken müssen (stand ja auch auf der Werbebande), um am Ende schlicht entzaubert zu werden. Welcher taktischer Kniff Marco van Basten allerdings geritten hat, in der Verlängerung komplett ohne rechte Abwehrseite zu spielen, wird sich mir als Laien so schnell nicht erschließen.

– Mir kamen die Holländer vor wie ein Boxer, der bisher alle Gegner K.O. geschlagen hat, plötzlich einen schweren Haken einstecken muss, aber den Rest des Kampfes weitertänzelt, um sich am Ende zu wundern, dass er verloren hat. Den Oranjes fiel auf das Konzept einer drohenden Niederlage einfach nix ein. So schnell kann Glanz stumpf werden, da hilft auch die gute alte Ajax-Schule nicht mehr.

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Ein Gedanke zu “Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 15

  1. „Will sagen: nach dem Sieg unserer Jungs im Viertelfinale finden plötzlich alle in meinem Bekanntenkreis die Holländer wieder doof und würden sich sowas von einen abgrinsen, wenn die von den russischen Rasenrobotern so richtig auseinandergenommen werden würden.“

    Also ich hab den Niederländern weiter zugehalten und mich tatsächlich geärgert, als sie dann ausgeschieden sind. So!

    Und OT: Wohoo! Eine „stattliche Erhebung“. Immerhin…

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