Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 14

KROATIEN – TÜRKEI 1:3 n.E. (1:1)

Vorbericht

– Na, auch gestern Abend Nationalstolz getankt und heute dementsprechend leicht verkatert? So geht es uns doch allen, schließlich soll man feste feiern, so wie Tore fallen. Oder so ähnlich. Ich bin im Kopf noch ein wenig verknittert, deshalb bitte ein wenig Nachsicht üben, was das Memorieren von Sprichworten angeht.

– Nationalstolz ist ein gutes Stichwort, denn die Teams, die heute Abend darum streiten dürfen, von uns im Halbfinale nach Hause geschickt zu werden, gehören zu den Großen in diesem Bereich. Da können wir Deutsche noch Jahre Fähnchen an unsere Autos fummeln, gegen die heimatverbundene Inbrunst der Kroaten und Türken kommen wir nicht an. Die gehen durchs Feuer, kämpfen bis zum letzten Mann oder humpeln auch noch mit gebrochenem Schien- und Wadenbein vors Tor, wenn es denn sein muss. Alles nur, um am Ende die Nationalfarben durchs Rund schwenken zu können. Während wir darüber diskutieren, ob der Trend zum Zweitfähnchen und der dadurch ansteigende Benzinverbrauch noch mit den aktuellen Benzinpreisen in Einklang gebracht werden kann. Aber ist das schlimm? Nein, denn: WIR SIND SCHON IM HALBFINALE.

– Ich guck mir das heute Abend ganz entspannt an. Egal, wer weiterkommt, ich freu mich drauf. Packen es die Kroaten, erleben wir die Neuauflage des Vorrundenspiels – diesmal aber in gut. Kommen die Türken weiter, harre ich mit einem Lächeln des Gesten- und Mimikfeuerwerks von Trainer Fatih Terim, wenn wir seine Jungs aus dem Turnier kicken. Einziges Problem: nach der Leistung gestern sind wir wieder in der Favoritenrolle. Aber der Jogi wird das understatementmäßig schon regeln. Schließlich haben uns die Kroaten schon geschlagen und die Türken den Heimvorteil…

– Den Türken ist nach den letzten Spielen so manches abhandengekommen. Der Torwart etwa sowie diverse Verteidiger und Mittelfeldspieler. Ich bin gespannt, was der alte Mann Rüstü noch drauf hat, meinen Erfahrungen nach ist der immer für einen Spaß zu haben. Zum Schluss noch der Wetter-Hinweis für Sport-Wetter: in Wien soll es am Abend nur unterschiedlich bewölkt sein, keine Aussicht auf Niederschlag. Vielleicht aber nach dem Spiel, wenn sich der verletzte Nationalstolz entlädt.

Nachbericht

– Entspannt anschauen wollte ich die Partie, so habe ich es weiter oben geschrieben. Das Geschehen auf dem Rasen war aber die allermeiste Zeit so entspannt, dass ich fast eingeschlafen wäre. Hätte ich nicht mantraähnlich das Ernst-Huberty-Zitat: „Ein Tor würde dem Spiel gut tun“ vor mich hin gebrabbelt, ich hätte die Augen nicht offen halten können.

– Nach exakt 12 Minuten und 45 Sekunden Spielzeit habe ich ihn gesagt. Den Satz, der mir schon kurz nach Anpfiff auf den Lippen lag: „Wir waren gestern aber besser„. Allgemeines Nicken in der Runde um den Fernseher. Selbst der Reporter schloss sich mir später an: „Mit dem Spiel der Deutschen kann diese Partie nicht mithalten„. Hat natürlich bis zur 22. Minute gewartet, in der wir gestern den Portugiesen das 1:0 eingeschenkt haben. Streber.

– Highlights in der regulären Spielzeit? In der 18. Minute die Doppelchance der Kroaten, die Tom Bartels an Mario Gomez erinnerte. Falsch, Herr Bartels. Ein echter Gomez ist es nur, wenn der Ball wegen Unfähigkeit nicht hinter die Linie kommt. Der erste Schuss ging an die Latte und der folgende Kopfball war schwer unterzubringen. Macht höchstens einen viertel Gomez auf meiner Wertungsskala. Daneben ließ der gute Rüstü in ein paar Szenen die Abwesenheit der englischen Torhüter kurzzeitig vergessen. Momente voller Schönheit.

– So langsam müsste aber mal jemand hinter die Taktik der Türken kommen. Die meiste Zeit vorne nicht mitspielen, aussichtslose Situation erschaffen, sich selbst für die nächste Partie dezimieren, um schließlich keck zurückzukommen und den Gegner mit dem Holzhammer eines späten Tores eine draufzugeben. Die Kroaten waren nach dem Ausgleich so fertig, da ahnte ich schon, dass im Elfmeterschießen was gebacken sein wird. Zweimal komplett am Tor vorbeizuhobeln ist aber auch eine Leistung.

– Ich bin ehrlich: den Kroaten hätte ich es ein wenig mehr gegönnt und der Klasnic wäre ein würdiger Held der Begegnung gewesen. Aber wer seine Chancen nicht nutzt und gegen die Türken mit dem Wahnsinnskampfgeist sich in der allerletzten Minute noch einen fängt, muss damit rechnen, nach Hause zu fahren.

– Für unsere Jungs habe ich jetzt schon einen Tipp: erneuter Systemwechsel und diesmal ohne Stürmer spielen, um eine Führung zu vermeiden. Das spornt Semih, Nihat & Co nämlich nur unnötig an. Stattdessen die Türken einfach mal den ersten Treffer erzielen lassen. Das dürfte sie so verwirren, dass sie sich den Ausgleich selbst reinschießen und am Elfmeterpunkt dann leichte, weil entnervte Beute sind. Aber auf mich hört wahrscheinlich wieder niemand…

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Ein Gedanke zu “Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 14

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