Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 10

ÖSTERREICH – DEUTSCHLAND 0:1
POLEN – KROATIEN 0:1

Vorbericht

– Seit gestern Abend wissen wir: in diesem seltsamen Sport ist alles möglich. Man kann sich auf rein gar nichts mehr verlassen. Der Fußballgott feiert auch manchmal Chaostage. Hoffentlich nicht wieder heute Abend bei einem bestimmten Spiel.

– Der Bruderkampf steht an. Ich habe ja auch einen Bruder. Mit dem ich gestern zur Vorbereitung gekämpft habe und zwar den klassischen Fußball-Triathlon (Tischfußball, Tippkick, Pro Evolution Soccer 5).
Ergebnis: 3 klare Siege für Deutschland.
Problem: keiner von uns wollte Österreich sein.

– Wieder darf ich wertvolle Tipps für die Begegnung zusammenstellen, die während des Spiels wie üblich jeder ignorieren wird:

  • Die erste wichtige Frage dreht sich darum, ob es heute Abend regnen wird. Regen ist bei dieser EM nicht gut für Spiele, die eigentlich erwartungsgemäß ausgehen sollen. Also Risikofaktor eliminieren und umgekehrten Regentanz aufführen. Oder den Kachelmann auf der obersten Sprosse einer Leiter festbinden. Oder so etwas in der Art halt.
  • Tore schießen. Darf man nicht unterschätzen. Am besten frühzeitig 2:0 in Führung gehen, wie damals bei der WM gegen Schweden. Besser 3:0. Bei 4:0 fange ich an, beruhigt zu sein und Metzellehmann zu vertrauen. Metzellehmann nenne ich übrigens den Mann aus meinen Albträumen, der in der 90. Minute beim Stand von 0:0 den Ball vor die Füße seines Verteidigers fallen lässt, welcher selbigen dann von Panik erfüllt in die eigenen Maschen drischt.
  • Ecken und Freistöße für die Österreicher vermeiden. Da kann schnell mal einer in der Kiste landen. So schnell, dass der Harnik gar keine Zeit mehr hat, zu überlegen, wie er diesmal das innere Tornetz verfehlen könnte.
  • Ecken und Freistöße für die Deutschen vermeiden. Kommt eh nix bei rum und belastet nur meine Nerven.
  • Österreicher nur maximal zu zweit alleine auf den Torhüter zulaufen lassen. Dabei nicht vorher im Sechzehner ummähen, denn Elfmeter kriegen sie seltsamerweise rein.

– Polen gegen Kroatien spielt auch. Interessiert das hier jemanden? Klar, wenn Polen hoch gewinnt, können sie im Falle einer deutschen Niederlage Tabellenzweiter werden. Nein, die beiden bösen Wörter im letzten Satz habe ich sofort unkenntlich machen müssen. Die Polen haben leider keine Chance mehr. Nicht in meiner Fußballwelt. Pech gehabt.

Nachbericht

– 5. Minute: WAS ERLAUBE GOMEZ? Den mach ich doch ohne Beine rein!
Moment, hatten wir das nicht schon einmal? Ich weiß auch, wie das zustande gekommen sein muss. Vor dem Anpfiff hat der Jogi langwierig Spannungsbögen aufgebaut, urschwäbische Riten aufgeführt und zum Schluss mussten sich alle ganz bös entschlossen angucken. Plötzlich kommt der Kaiser in die Kabine und meint: „Jungs, spuilt’s einfach wie gegn die Polen“ – und der Gomez hat das als Einziger wörtlich genommen und die erste Hundertprozentige wieder liegenlassen.

– Tom Bartels ist der Xavier Naidoo der Reporterkabine. Lasch, ohne Pfeffer, einschläfernd. Ich fordere für die nächste Begegnung einen zweiten Tonkanal mit Fatih Terim in türkisch-deutscher Simultanübersetzung. Der hätte den Gomez nach 6 Minuten vom Platz geholt und sich noch auf der Auswechselbank in sein Bein verbissen. Aber der Jogi ist halt zu weich.

– Höhepunkt der elendigen ersten Spielhälfte: Löw und Hickersberger werden wegen vorsätzlich grausamer Spielanlage auf die Tribüne geschickt, wo Jogi sich als Strafe bei der Kanzlerin erste Tipps zur Mimikgestaltung für den Fall einer Niederlage abholen muss. Oder für den Fall eines Sieges. Man vermag bei der Frau ja nie so recht den Unterschied zu erkennen.

– Das deutsche Team geht wie versprochen an seine Grenzen und darüber hinaus. Welche Grenzen das genau sind, hat allerdings vorher niemand gesagt. Ich tippe auf die Grenzen der Ödnis, Langeweile oder Strapazierfähigkeit meines Herzmuskels. Die lassen die Österreicher mitspielen! In ihrer Hälfte! Wie kann man nur?

– 49. Minute, das 0:1. Ein Freistoß! Und am Ende werden sie 100 Mal zeigen, wie der Ballack beim Schuss im Gesicht die Entschlossenheit eines unter Darmverschluss leidenden Kassenpatienten auf der Schüssel darstellt. Aber sie werden den kleinen Lahm vergessen, der vorher den Ball nach vorne getrieben und sich im Dienste der Mannschaft die Knochen vom österreichischen Verteidiger neu sortieren lassen hat. Lahm war für mich mit dieser Aktion der Spieler des Tages.

– Ansonsten? Die Österreicher gewohnt hormlos, die Deutschen stellenweise wie Flasche leer mit Hose voll, nach dem Führungstreffer ohne große Spielkunst. Bartels bezeichnet das als abgeklärte und clevere Spielweise. Egal. Wir sind im Viertelfinale gegen die Portugiesen. Wo uns Cristiano Ronaldo mit seinem Bubu-Blick vom Platz lasern wird, wenn wir uns nicht steigern.

– Am Ende wurde der große Masterplan für die Partie enthüllt. Es galt nicht, die Österreicher an die Wand zu spielen oder mit Begeisterung ins Viertelfinale einzuziehen, sondern den Tiefpunkt der deutschen Fußballgeschichte zu verhindern. Mission erfüllt. Aber deswegen würde ich mir heute Abend nicht mehr die Deutschlandfahne auf die Kühlerhaube lackieren lassen, wenn ich noch bei einem Autokorso mitmachen würde. So es denn überhaupt welche gibt. Vielleicht fahren die Türken nochmal raus – aus Vorfreude auf ein etwaiges Halbfinale gegen uns.

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2 Gedanken zu “Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 10

  1. Und warum, werter Herr More, haben Sie Gomeß nicht in der siebten Minute ausgewechselt? Oder war das auch Teil der Taktik, diese Supernull am Haarbändchen über den Rasen eiern zu lassen, bis nicht mal mehr Amateurligisten Pfand für diese Megaflasche zahlen?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  2. Man hat mich nicht ins Stadion gelassen, werter Herr Schoss! Das ist die traurige Antwort. Und auf meine Anrufe bei der SportBILD reagiert leider schon niemand mehr.

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