Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 5

TSCHECHIEN – PORTUGAL 1:3

Vorbericht

– Nach dem jetzigen Tabellenstand treffen hier die beiden heißesten Kandidaten für das Ausscheiden im Viertelfinale gegen unsere Jungs aufeinander. Angesichts der Konstellation weiß der Taktiktüftler sofort Bescheid: das gibt ein entspanntes Unentschieden, denn so bleiben beide Teams in jedem Fall auf den vorderen Plätzen in der Gruppe. Wer im letzten Vorrundenspiel dann gegen den Verlierer der Begegnung heute Abend (und damit Abreisekandidaten) antreten muss, kann schon mal den Wellness-Urlaub für die Stammspieler buchen. Wer den Gewinner erwischt, übt im Training halt das 0:0-Halten bis zum bitteren Abpfiff.

– Cristiano Ronaldo wird auch wieder mitspielen! Wollte ich nur drauf hinweisen, falls es noch jemand geben sollte, der mit dem Namen nichts anfangen kann. Weshalb hat der im ersten Spiel eigentlich nicht getroffen? Na klar, weil es noch um viel zu wenig ging! Echte Helden retten ja auch nicht zur Übung mäßig attraktiv aussehende Bauerntöchter, sondern steigen erst aufs Ross, wenn die Prinzessin beim Drachen in der Höhle liegt. Seiner wahren Größe werden wir erst im Finale gewärtig werden, meine Freunde. Es sei denn der Helfertrupp um ihn herum ist zu blöd und schafft es nicht bis dorthin. Da kann dann aber Cristiano Ronaldo nix für!

Nachbericht

– Das wäre ein entspanntes Unentschieden geworden, wäre nicht dieser Teufelskerl Cristiano Ronaldo gewesen. Schuld daran ist natürlich Reporter Thomas Wark, der lange Zeit den Jungstar besser sieht, als er war, ihn dann aber durch eine kühne Rüge („Ronaldo macht heute kein gutes Spiel„) zum Äußersten seines Könnens in Form des 1:2 treibt. In den 90 Minuten kommentierte sich der Mann am Mikro stellenweise selbst in den Wahnsinn, beschwörte Flatterbälle bei halbwarmen Flachschüssen herauf, schmiss Spielstände, Mannschaften und Tore durcheinander. Doch am Ende bestimmt Ronaldo das Spiel durch sein Tor und zwei Vorlagen. Man kann nur hoffen, dass Wark beim Spiel der Deutschen gegen Portugal krank ist, denn sonst haben wir keine Chance.

– Evolution auf dem Feld! Der Tscheche Matejovsky erklimmt im Körperduell mit Deco die für Defensivspieler erstrebenswerte Stufe vom Heimlichtuer zum Heimlichtreter. Zweimal gibt er dem kleinen Portugiesen einen mit dem Fuß mit, aber der Schiri sieht es nicht. Es gibt also doch noch Hoffnung für Rauhbeine auf dem von Kameras und Zeitlupenwiederholungen durchsetzten Rasen.

– Die Tschechen haben Bonuspunkte bei mir ergattern können für ihr engagiertes Spiel. Eine Mannschaft, die der deutschen Elf auch den Weg weisen könnte für das etwaige Aufeinandertreffen mit Portugal in einem Halbfinale. Hohe Flanken bringen Portugal ins Wanken. Klose hält das Köpfchen rein, alle werden glücklich sein.

SCHWEIZ – TÜRKEI 1:2

Vorbericht

– Die Schweizer haben sich durch die tragische Auftaktniederlage und die Verletzung ihres Kapitäns viele Sympathien gesichert. Mir müsste man als gegnerischer Verteidiger nur die Worte „Frei“, „EM Aus“ und „Teilabriss des zweiten Innenbandes“ zuwerfen, schon wäre mein Grätschmechanismus gestört und meine Konzentration infolge drängenden Mitleidsbekundungswillens dahin.

– Das dachte sich auch die Projektmanagement-Abteilung der Eidgenossen und wollte die Trikots zum heutigen Spiel mit einer Sonderbeflockung ausstatten:

– Bis ein Blick auf den Spielplan klar machte, dass es heute gegen die Türken geht, mit denen man am Ende des letzten Qualifikationsspiels zur WM 2006 die offizielle Meisterschaft im Treten und Getretenwerden ausgefochten hat. Da ist nix mit Mitgefühl zu erwarten. Den Schweizern klebt aber auch das Pech an den Stiefeln.

– Den türkischen Trainer Terim Fatih hingegen plagen ganz andere Sorgen. Wie er zum Beispiel wieder nach Hause kommt, wenn seine Mannschaft auch dieses Spiel verlieren sollte. Wie er die Feuerschutzversicherung für sein Heim noch schnell unbürokratisch erhöhen kann. Wo die Familie hinziehen könnte.

Nachbericht

– Der Poschi ist ein alter Hase. Als die ersten dicken Regentropfen runterplantschen, hat der bestimmt seinen Assistenten angestubst und gesagt: „Assi, schreib auf: Regen, tiefer Boden, Kondition gefragt, Weitschüsse als probates Mittel, irreguläre Spielbedingungen, Wasserschlacht von Frankfurt, 1974 – das kriegen wir heute alles unter„. Und im Laufe des Spiels spult er dann wirklich alle Stichworte routiniert ab. Der Vorschlag des Assis hingegen, angesichts des Wetters den bemühten Wortwitz Volkan-bruch zu Lasten des türkischen Keepers zu reißen, wird seufzend ignoriert.

– Das 1:0 war von der Entstehung bis zum Abschluss ein Tor, das wunderbar mit dem bekannten Benny-Hill-Thema harmonieren würde. Ich lehne mich jetzt weit aus dem Fenster und behaupte: den hätte ich, wenn ich einen guten Tag erwischt hätte, auch reingemacht. Und damit mir niemand vorwerfen kann, dass es hier keine Videos zu gucken gibt (man will seine Zielgruppe ja stetig erweitern), kommt jetzt passenderweise das hier:

– Die Türken waren in einem kämpferisch geprägten Spiel die etwas agilere Mannschaft und wurden für ihren Einsatz belohnt. Ein wuchtiger Kopfball zum Ausgleich und in der Nachspielzeit der Siegtreffer durch einen abgefälschten Schuss mündeten in der zweiten Aufführung einer Tragödie im St. Jakob-Park. Denn damit stellen die Schweizer die erste Mannschaft, die nach Hause fahren muss. Weil die Tschechen oder die Türken bei ihrem Aufeinandertreffen mindestens einen Punkt mitnehmen werden. Ein kleiner Trost: weit haben sie es ja nicht.

– Die gute Nachricht: Terim Fatih wird uns auch weiterhin mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Louis de Funés und einem Dampfkessel erhalten bleiben.

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2 Gedanken zu “Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 5

  1. Mich schickt Keiner – ich komme von ganz allein vorbei um zu sagen, daß ich das toll finde, wie Sie so zielsicher von Schoss verblogrollt wurden.

    Zwotens wollte ich sagen, daß die Idee mit der Neubeflockung eine tolle ist!
    Noch besser fände ich, wenn dann statt Frei „Frey“ dort stünde, aber nicht Jeder ist so ein Schokoladenmonster wie ich 😉

    Bis auf weitere Zusammenstösse!
    Herzlichst zwinkernd
    Cara

  2. Ja küß die Hand, werte Frau Cara.
    Als Entdeckerin meines Blogs (so sprach’s der Herr Schoss) wandern nun auch Sie in meine Blogroll. Wenn es um schweizer Schokoladen geht, würde ich übrigens ab morgen zuschlagen, denn die Eidgenossen können sich seit heute Abend wieder voll und ganz auf die Produktion konzentrieren.

    Habe die Ehre,
    Inishmore.

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