Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 4

SPANIEN – RUSSLAND 4:1

Vorbericht

– Spanien ist einer der Turnierfavoriten. Wobei Spanien eigentlich jedes Mal Turnierfavorit ist. Gäbe es ein Turnier, um den Turnierfavoriten zu bestimmen, Spanien wäre so klar Turnierfavorit, dass die anderen Mannschaften darüber beraten müssten, ob sie überhaupt antreten wollen. Leider spielen wir aber auch diesmal wieder um so oberflächlich-glanzlose Auszeichnungen wie Europameister.

– Ich guck zu wenig spanischen Fußball und von der WM her erinnere ich mich nur an Puyol, den wadenbissigen Pudel-Mensch-Hybriden und Trainer Aragones, den bärbeißigen Grummelbrummel. Die Iberer scheiden aber auch immer so schnell aus, dass man sich gar nicht an die weniger markanten Gesichter gewöhnen kann.

– Russland ist dabei, weil sie die Engländer im Fernduell hinter sich gelassen haben. Durch einen 1:0 Sieg in Andorra. 1:0 IN ANDORRA! Nix gegen Land und Leute, aber fußballerisch gesehen haben die doch wahrscheinlich ein paar Bergziegen auf die Ersatzbank setzen müssen, um den Spielberichtsbogen der UEFA ausfüllen zu können. Trainer Hiddink ist noch die bekannteste Figur, ihr angeblicher Sturmmessias Pawel Pogrebnjak ist kaputtgegangen, der Sturmmessiasstellvertreter gesperrt, was wollen die also überhaupt hier? Für mich ein ganz klarer Geheimfavorit.

Nachbericht

– Bevor ich zu diesem fabelhaften Spiel etwas schreibe, ein kleine Insiderinformation für die EM-geplagten Damen, die ihren fußballbegeisterten Ehegatten/Freund/Liebhaber beeindrucken wollen. Einfach mal eine Konversation mit den folgenden Worten starten:

Hach Schatz, ich hätte mal eine Frage: in welchem Spiel der EM 2008 stand eigentlich kein einziger jetziger oder ehemaliger Bundesligalegionär auf dem Platz? Ich mein‘, dass von den 22 Kickern keiner auch nur eine Minute in der Bundesliga aufgelaufen ist?“.

Kurz abwarten und dann keck anfügen:

Ach Gott ja, Spanien gegen Russland war’s, weil die Russen den Saenko von Nürnberg gar nicht eingewechselt haben. Tschuldigung, dass ich gefragt hab‘„.

Danach sich den Rest des Abends im verdutzten Gesichtsausdruck des Partners sonnen.

– Was für ein Spiel! Ich habe mich vor Freude stellenweise fast nicht mehr eingekriegt. Diese Spanier sind ja die reinsten Ballzauberer und Konterroboter. Die Laufwege sind fest in den Speicher eingebrannt, die Pässe flutschen beängstigend – heute Nacht träume ich wohl davon, dass Iniesta, Xavi, Silva, Torres und Villa auf mich zulaufen, während ich die Viererabwehr dirigieren soll. Kann ich morgen früh direkt das Kopfkissen neu beziehen.

– Zu den Russen war ich sehr harsch im Vorbericht. Die können durchaus einen guten Ball nach vorne spielen, aber mit dem Abschluss hapert’s halt ziemlich. Und hinten sind Freiräume und Spanier eine ganz, ganz unheilvolle Mischung. Der große Fehler der Mannen von Guus Hiddink war wohl, dass sie meinten, einfach so mitkicken zu können. Sympathische, aber leider fatal falsche Einstellung. Spanien ist bei mir damit schon im Viertelfinale – wo eventuell die Italiener warten. Das wird eine ganz andere Partie.

– Und wieder wie schon bei den Holländern die entwarnende Nachricht: auf die Spanier können wir frühestens im Finale treffen. Vielleicht sind sie bis dahin müde.

GRIECHENLAND – SCHWEDEN 0:2

Vorbericht

– Ein Lied zur Einstimmung. Nikos, stöpsel die Bouzouki ein. Hellas!

Griechische Mauern,
Sind die Seele unsrer Spiele
Lasst Gegner trauern
Denn der Tore werdn’s nie viele
Niemand schenkt uns ein
Wie Udo Jürgens einst den Wein
Das kann nicht sein

– Die Griechen sind bekanntlich neben Eigentlichjaauchirgendwieeuropameister Italien Europameister. Was haben wir 2004 versammelt blöde aus der Wäsche geguckt, als der olle Otto mit seinen Hellenen allen die lange Nase gezeigt hat. Dabei hätte man das schon orakeln können, es heißt ja nicht umsonst Eur Opa Meister.
Das Rezept damals: Hinten George Clooney im Tor, um Männlein und Weiblein gleichermaßen zu verwirren, in der Abwehr der menschgewordene Geschützturm Dellas und vorne hoppelte Harry Charisteas einmal pro Spiel den Ball hinter die Linie. Ob das 2008 auch klappt? Mauern kommen im Fußball ja nie aus der Mode, aber ob Harry nochmal jede Ecke einnickt, wird man abwarten müssen. In Nürnberg war er zuletzt wenig einnickfreudig.

– Die Schweden sind hervorragend vorbereitet und haben alles an Bord: die Modelabteilung um Freddie Ljungberg (forever metrosexy), Olof Mellberg (kuschelkernig), Christian Wilhelmsson (jetzt mit stramm sitzender Kurzhaarfrisur statt verspieltem Zopf), Sebastian Larsson und Markus Rosenberg (beide supersüß) für die Damenwelt, Zlatan Ibrahimovic für das ausländische Flair und die zu vergebenden Torchancen sowie – ganz wichtig! – die fest gebuchte Heimfahrkarte, gültig unmittelbar nach dem Viertelfinale. Denn dort wartet der Todesgruppensieger Holland. Todesgruppensieger, da könnte die UEFA auch einen offiziellen Pokal für stiften. Was heißt eigentlich Todesgruppensiegerbesieger auf Schwedisch? Eine rein rhetorische Frage.

Nachbericht

– Sehen wir es doch zwanghaft positiv: die ersten 66 Minuten waren ideal, um nach dem Feuerwerk der Spanier wieder runterzukommen. Ich glaub, ich hab konstant meinen Ruhepuls unterboten, so dösig ging es auf dem Spielfeld zu.

– Kaiser Franz saß auf der Tribüne. Muss man sich um die Reputation des Mannes Sorgen machen, wenn er nur Karten für dieses trostlos-trübe Ballgeschiebe bekommen hat?

– Beim 173. Querpass habe ich mir die Konstellation herbeigesehnt, dass die Griechen gegen Spanien spielen müssen und mindestens 2 Tore brauchen, um weiterzukommen.

– Zlatan Ibrahimovic gebe ich hiermit feierlich den Spitznamen „Der Erlöser“. Wer weiß, wie das sonst noch ausgegangen wäre. Das 2:0 hatte schließlich unter Schadenfreudegesichtspunkten einen sehr großen Unterhaltungswert. Die Griechen sind hingegen auf meiner Sympathieskala in der Gruppe schon ausgeschieden, die brauchen gar nicht mehr anzutreten.

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2 Gedanken zu “Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 4

  1. Und schon wieder so was von famos, werter Herr More,
    dass ich Sie jetzt in meine Blogrolle schlenzen werde.

    Kennen Sie eigentlich Herrn Weisweiler?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  2. Im Zuge der Fanbetreuung wird zurückgeschlenzt, werter Herr Schoss. Fühlen Sie sich wohlgebettet zwischen meinen anderen beiden Blogs und kommentieren Sie bitte weiterhin. Denn ohne Dialog klappt es auch auf dem Fußballfeld nicht. Außer bei Otto Rehhagel, aber der kann wahrscheinlich auch noch Altgriechisch.

    Hennes Weisweiler kenne ich natürlich; leider nicht persönlich, da er bereits das Zeitliche segnete, als ich zarte 12 Lenze zählte und mir daher keinen ausgeben konnte.

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