Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 3

RUMÄNIEN – FRANKREICH 0:0

Vorbericht

– Todesgruppe! Oder um es mal weniger dramatisch auszudrücken: eine namhafte Fußballnation darf zum Viertelfinale die Koffer packen und sich bei der Ankunft zuhause von den Fans eine Runde zünftig ausbuhen lassen, ehe es in den Urlaub geht. Wobei die Rumänen jetzt eigentlich niemand als Fußballgröße auf der Rechnung hat. Ich weiß von denen auch nur, dass sie in gelb-blau spielen, die Qualifikation souverän geschultert haben und bei Turnieren traditionell den Gang nicht reinkriegen. Außerdem spekuliere ich jetzt einfach mal darauf, dass ein paar der Spielernachnamen auf -u enden.

– Es gibt ja selbsternannte Experten, die halten Rumänien für einen Geheimfavoriten des Turniers. Das sind mit großer Wahrscheinlichkeit Leute, die von den Karpatenkickern so wenig Ahnung haben wie ich, dies aber nicht öffentlich zugeben wollen. Nur damit sie am Ende sagen können, dass sie der Erfolg der Mannschaft während der EM nicht überrascht hat. Scheitert die Mannschaft hingegen frühzeitig, war sie halt nur im Geheimen und nie in Wirklichkeit Favorit. Fußballpsychologen sprechen von LMS, dem sogenannten Lothar-Matthäus-Syndrom.

– Bei den Franzosen spielt Franc-k Ribéry mit. Für Sprachfeinmechaniker ist es das höchste der Gefühle, den Vornamen richtig auszusprechen. Franc wie in altes französisches Zahlungsmittel und hinten dran ein gutturales K vom Gaumenzäpfchen abtropfen lassen. Dazu einen trockenen, leicht snobistischen Gesichtsausdruck reichen.. et bon appétit! Franz Beckenbauer, der Linguist unter den Fußballern („Angaschmang„, „Schangpärpapäng„) ruft ihn intern wahrscheinlich Franz Ripperich. Ich nenne ihn einfach Barry. Barry hat das Zeug zum Star dieser EM.

Nachbericht

Auszug aus meinem reichlich gefüllten Notizzettel zum Spiel:

Leichte technische Probleme bei der Übertragung. Hat wohl jemand bei der ARD die Transistoren nicht vorgewärmt.
Also, da waren wir gestern aber besser.
Ich fühle mich ein wenig gelangweilt.
Morgen kauf ich nochmal 200 Gramm von der leckeren Sülzwurst.
Shampooflasche ist auch schon wieder leer.
Hui, Action auf dem Platz! Gelbe Karte fürs Ballwegschubsen. Stimmung!
Laut ARD-Videotext ist der Dichter Peter Rühmkorf gestorben. Ich kenn den gar nicht. Eine Minute in die Schämecke gegangen.
Könnte mir mal wieder die Zehennägel schneiden.
Außer Franck könnt ihr alle gehen!
Gott sei Dank, es ist vorbei.

– Die Franzosen sind wieder in Turnierform. Bei der WM haben die zu Anfang auch rumgegurkt, dass es nicht mehr schön war. Ich trau denen nicht über den Weg, am Ende kommen die doch wieder ins Endspiel.

– Kurzer Vorschlag an den UEFA-Michel: den je einen Punkt für Rumänien und Frankreich einkassieren und den Schweizern bzw. Österreichern schenken. Falls nach der Vorrunde alle vier Mannschaften in der Gruppe bei 3 Punkten und 0:0 Toren stehen sollten, alle geschlossen nach Hause schicken. So geht’s ja nicht.

NIEDERLANDE – ITALIEN 3:0

Vorbericht

– Bei den Italienern ist der Chefmaurer Fabio Cannavaro ausgefallen, was für viel Mammamias und Odiomios auf dem Stiefel gesorgt hat. Denn vorne findet sich ja immer einer, der das 1:0 reinhängt, aber wenn es hinten nicht richtig abgedichtet ist, peinigt das die italienische Seele wie Spaghetti mit McDonalds-Ketchup.

– Wir lieben die Italiener. Die gute Küche. Der unnachahmliche Gestenreichtum. Den Ministerpräsidenten, der unsere Angie so normal erscheinen lässt. Die wunderbar klingende Sprache (was habe ich bei WM dauernd „A-Pirrlo, A-Pippo“ gerufen, als sich Andrea Pirlo und Pippo Inzaghi die Pässe zugespielt haben). Aber die müssen doch jetzt nicht wirklich auch noch Europameister werden, oder?

– Für Freunde der Mengenlehre und der Philosophie folgende Frage, die das Potenzial hat, Günter Netzer und Gerhard Delling für immer zu zerstreiten: sind die Italiener nicht eigentlich schon aktuell amtierender Europameister?
(Bearbeitungshinweis für unsere amerikanischen Freunde: Italien ist Weltmeister und Europa Teil der Welt)

– Die Niederlande. Da sehe ich schon das Panel dieser wunderbar ignorierenswerten Sendung „nachgetreten!“ beim Aufbacken der Wohnwagen- und 2002-nicht-qualifiziert- Witzchen. Eventuell wird Rudi Carrell noch zugeschaltet. Ach nein, heute überträgt ja die ARD. Aber im Ernst, van der Vaart & Co haben sehr feine Feldfußballer in ihren Reihen und der Keeper van der Sar ist mir als Saarländer alleine vom Namen her gleich sympathisch. Obwohl ich glaube, dass der schon seit gefühlten 30 Jahren die Kiste bei großen Turnieren immer den einen Spalt breit offen lässt, durch den der Ball kurz vorm Finale reinflutscht.

– Für Zahlenfatalisten: der letzte EM-Gewinn der Oranjes liegt exakt 20 Jahre her, die davor letzte Finalteilnahme 30 Jahre. Marco van Basten ist auch wieder dabei, wird aber nach meinen Informationen Gott sei Dank nicht spielen.

Nachbericht

– In den ersten zehn Minuten fand in der Partie schon mehr Fußball statt als in den 90 Minuten des Spiels vom frühen Abend. Es gibt also doch noch Hoffnung.

– 18. Minute: Flieg, Ruud, flieg! Aber Ruud will nicht fliegen. Ist im Strafraum, wird vom Keeper touchiert und hält sich auf den Beinen. Da hat er zuviel nachgedacht, der Holländer. Luca Toni auf der anderen Seite hätte sich bei der Berührung höchstens Gedanken darüber gemacht, wieviele Rollen seitwärts er drehen soll, bis er zum Liegen kommt.

– 1:0! Nicht, dass ich van Nistelrooy den Treffer nach seiner Samariteraktion von vor ein paar Minuten nicht gönnen würde, aber: welcher UEFA-Funktionär hat denn diese unsinnige Regel zusammengestrickt, wonach ein hinter der Torlinie liegender Spieler das Abseits aufhebt? Da brauch ich dort doch bei heißem Wetter nur ein paar Flaschen gut gekühlte Isogetränke hinzulegen oder den Behandlungsbereich der Mannschaftsärzte zu markieren und schwuppdiwupp kann ich die Stürmer dem Torwart auf der Nase tanzen lassen.

– Ich bin beileibe nicht immer unparteiisch, aber ich erkenne große Fußballkunst, wenn ich sie sehe. Und das 2:0 war ganz große Fußballkunst, das kann man einfach nicht besser machen. Schnell in den Spielplan geguckt: die Holländer kriegen wir frühestens im Finale. Aufatmen.

– Die Italiener sind geschockt, rappeln sich zur zweiten Spielhälfte aber wieder auf. Del Piero macht Rabatz, aber van der Sar hält die Kiste sauber. Respekt für den alten Mann auf der Linie, der kann es immer noch. Die Anmerkung aus dem Vorbericht nehme ich zurück.

– 3:0 nach einem schönen Konter, nu ist der Käs gegessen. Jetzt bin ich schon so alt und darf dennoch die Gnade erleben, Zeuge geworden zu sein, wie die Italiener 3 Dinger eingeschenkt bekommen. Fußball kann nicht nur grausam, sondern auch schön sein.

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3 Gedanken zu “Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 3

  1. Werter Herr More, vor so viel Sachverstand sinke ich andächtig in den Staub.
    Wo haben Sie sich bloß rumgedrückt, als wir das Stadion vor Wien bauten?

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  2. Werter Herr Schoss,

    ich sinke vor jedem Kommentar in den Staub. Damit sind wir schon auf Augenhöhe und ich kann freimütig bekennen:

    Ich hab mich verfahren und war in Salzburg. Zum Finale werde ich mir aber einen Navi kaufen.

    Herzlich zurück
    Ihr Inishmore

  3. Pingback: Australien gegen Niederlande | Das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch

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