Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 1

SCHWEIZ – TSCHECHIEN 0:1

Vorbericht

– Was wissen wir fußballerisch über die Schweiz? Als Mitveranstalter brauchten sie keine Qualifikation zu spielen, haben aber dennoch bereits durch ihr Auftreten bei der WM ihr Profil schärfen können – nämlich als würdiger Ersatz für die Engländer, die dieses Jahr die hohe Kunst des Elfmeterverschießens nicht zur Aufführung bringen dürfen. Das erledigen dann eben die Eidgenossen. Vielleicht sogar schon im Eröffnungsspiel? Warum eigentlich nicht? Einfach mal unverkrampft lächelnd die Kugel dorthin schieben, wo kein Netz wächst. Das sichert Sympathien beim internationalen Publikum, wenn es eh nicht für Punkte langt.

– Clevere Programmgestaltung: Weil das ZDF heute überträgt, kann Johannes B. Kerner schon direkt nach Abpfiff dem ersten Direktbetroffenen das Mikro in die verweinte Gesichtshaut halten. Denn Urs Meier ist neben seiner Eigenschaft als frisurtechnischer Kontrapunkt zu „Komm, lass hängen“-Kloppo bekanntlich Schweizer und wird während des Spiels sicher ein paar Gel-Döschen aufbrauchen, um die zu Berge stehenden Haare niederzuspachteln.

– Die Tschechen haben den kleinen Rosicky nicht dabei, dafür den großen Koller. Die Angriffsphilosophie dürfte sich also mit der Alliteration Riese-Rübe-Rein erschöpfend erklären lassen. Erschreckend hingegen der Vokalreichtum in den Namen der Spieler, da ist man von tschechischen Mannschaften früherer Generationen wahrlich anderes gewohnt. Wer erinnert sich noch an Knippser wie Jiri Drbr oder Petr Dnbn? Niemand, weil ich die Namen gerade erst erfunden habe. Wäre aber doch cool, wenn das Sturmduo der Tschechen mal so heißen würde, oder?

Nachbericht

– War das nicht eine wunderwunderbare Eröffnungszeremonie? Ich selbst kann es leider nicht beurteilen, da ich erst dazu gestoßen bin, als die Kinder mit den Fahnen aufs Feld getrabt sind. Aus dem Nebenzimmer hörte ich allerdings folgende Kommentare meines Bruders: „Wassequatsch“ und „Wassollndasdarschtelle?“. Es muss also künstlerisch sehr wertvoll gewesen sein.

– Die Verletzung von Alexander Frei ist tragisch und hat mich wirklich mitgenommen. Der Kerl spielt sehr gut, ist Kapitän, hat den EM-Heimvorteil im Rücken und dann reißt es ihm die Bänder auseinander. In diesen Momenten wünschte man sich, dass die moderne Medizin schon fortgeschrittener wäre und man dem sympathischen Schweizer flugs ein Ersatzknie antackern oder neue Bänder hätte einlasern können. Auf dass er mopsfidel auf den Rasen zurückgaloppiert wäre und uns alle weiter erfreut hätte. Fußball kann grausam sein.

– In dem Zusammenhang: liebe Techniker des ZDF, ich weiß, ihr habt tolle Kameras, mit denen man bei Bedarf das linke Nasenloch des tschechischen Torwarts ausleuchten kann. Aber Zeitlupenwiederholungen und Vergrößerungen von verdrehten Knien möchte ich persönlich jetzt nicht bis ins letzte Detail vorgesetzt bekommen. Verkauft diese Szenen doch bitte an Eli Roth, der sie dann in Hostel 3 verwenden kann und verschont mich damit. Vielen Dank im Voraus.

– Wer hat beim 0:1 der Tschechen auch laut „Och nö!!!“ geschrien? Die tapferen Schweizer hätten wenigstens einen Punkt verdient gehabt, denn die Jungs von Karel Brückner haben mich schon enttäuscht. Was sie andererseits wiederum zum idealen Gegner im Viertelfinale gegen unsere Elf macht. Da hätten wir doch alle was von.

PORTUGAL – TÜRKEI 2:0

Vorbericht

– So mancher CSU-Politiker ist sich immer noch ziemlich sicher darüber, dass die Türkei geografisch gar nicht zu Europa gehört. Folglich dürfte die heute gar nicht antreten, um sich gegen die Portugiesen eine Niederlage abzuholen. Als reizvolles Gegenargument ließe sich erörtern, ob die CSU eigentlich zu Europa gehört, aber wir wollen ja über die Fußball-EM berichten. Die Türkei ist jedenfalls dabei und das ist gut so. Solange sie nicht im Viertelfinale auf uns trifft. Das kann sie mir und meinem Dönermann nicht antun. Wahrscheinlich kriegen die Türken aber bereits nach dem Spiel gegen die Schweiz keine 11 Mann mehr für die letzte Vorrundenpartie zusammen.

– Zu den Türken fällt mir nur das Übliche ein: nach ihrer eigenen Meinung sind sie die Besten, dummerweise sagen die Annalen der WM- und EM-Sieger weiterhin etwas anderes. Der Bundesligabeobachter erkennt Hamit Altintop wieder, der seines Bruders Halil Altinop verlustig gegangen ist. Kann allerdings auch umgekehrt sein. Der dritte Torwart, ein gewisser Tolga Zegin, ist hingegen so unbekannt, dass Spiegel Online in seinem WM-Special nicht mal ein Bild von ihm hat. Damit haben wir bereits jetzt den ersten Anwärter auf den Spitznamen „Das Phantom“.

– An Portugal haben wir ja alle noch angenehme Erinnerungen. Spiel um Platz 3 bei der WM, drei schöne Eier ins rot-grüne Nest gelegt, Cristiano Ronaldo dauernd umgetreten, ein rundum gelungener Abschluss. In der Nach-Figo-Ära sollen die jetzt plötzlich EM-Favoriten sein, weil dieser arrogante Elfmeterverschwurbler von Manchester United so supertoll drauf ist. Ich kann den ja nicht leiden, so jetzt isses raus. Aber ich konnte auch bei der WM den Grosso nicht leiden und der hat die Italiener bekanntlich zum Titel geschossen/beleidigt/gefallen/getreten.

– Natürlich werden die Portugiesen Gruppensieger, aber dann geht es gegen die Kroaten und heißa, Freunde, das wird ein Fest. Da zähle ich die Minuten, in denen Ronaldo mit beiden Beinen auf dem Rasen steht. Dürften nicht viele zusammenkommen.

Nachbericht

– Erster Krankheitsfall auf der Reportertribüne! ZDF-Reporter Thomas Wark durchlitt in der zweiten Partie des Spieltages eine leicht zwanghafte Ronaldofixiertheit. Die Symptome:

  • zu Spielbeginn akribische Auflistung aller ronaldoschen Aktivitäten (erster Ballkontakt, erster Fehlpass, erstes Auftauchen im Strafraum, erster süßer Bubu-Blick)
  • nach Freistoß in der 38. Minute: Erfindung eines neuen Chancenwürdigungsausrufs namens „Ijao“ oder „Iyao“ anstelle des gewohnten „Yo“
  • zeitverzögerte Selbstberauschung nach einem letztlich eher ungefährlichen Beinschuss (56. Minute)

Therapievorschlag: Nach dem Spiel nicht unmittelbar mit dem Schmerz alleine lassen, dass Ronaldo nicht getroffen hat. Nächsten Urlaub in Manchester streichen. Oder Madrid. Oder wo immer Ronaldo demnächst spielt.

– Auch wenn die Türken verloren haben, ihren Trainer Fatih Terim finde ich klasse. Keine 7 Minuten gespielt, scheißt er schon die ganze Mannschaft zusammen. Der Mann scheint nur einen Aggregatzustand zu kennen: angepisst. In der Halbzeitpause verwandelt der wohl die Kabine alleine durch seine Anwesenheit in ein türkisches Dampfbad. Respekt!

– Mit den Portugiesen muss man in diesem Turnier rechnen. Die schießen sogar mitten im schönsten eingesprungenen Foul noch Tore, siehe das 1:0. Das sollte uns allen zu denken geben, denn dann hilft ja selbst die gute alte Blutgrätsche nicht mehr. Das 2:0 haben die Rot-Grünen darüber hinaus wunderbar herausgespielt. Und Ronaldo war beteiligt! Das wird Thomas Wark heute Abend sicherlich ein wenig trösten.

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