Vor der EM: Gedanken zur Eröffnungsfeier

Freunde des runden Leders und der kompetenzfreien Berichterstattung, es ist wieder soweit. Die EM in der Schweiz und Österreich steht in den Startlöchern und wie schon bei der WM vermochte ich es nicht zu verhindern, dass auf meinem Stammblog und (für WordPress-Fans) ebenhier über das fußballerische Großereignis berichtet werden wird.

Auch über das Ausscheiden der deutschen Nationalmannschaft hinaus, wie ich sicherheitshalber betonen möchte, denn unter uns Ballhistorikern: die letzten Europameisterschaften haben wir nicht gerade viel gerissen. 1 Punkt 2000, 2 Punkte 2004, der mathematischen Logik folgend riechen wir dieses Jahr streng am zweiten Platz nach Abschluss der Vorrunde! Also Daumen drücken.

Ich weiß nicht, ob ich der Einzige bin, aber mich nervt bereits jetzt schon dieses Wald-Wiesen-Weide-Kuh-Holladijö-Image der EM, das im Vorfeld durch die Medien transportiert wird. Die Eröffnungsfeier brauche ich mir deshalb schon eigentlich nicht mehr anzuschauen, die habe ich mir unter diesem Einfluss nämlich bereits zusammengeträumt:

Der St. Jakob Park zu Basel liegt unter einer dichten Schneeschicht, auf dem Rasen haben sich bereits spontan mehrere Kleingebirge aufgetürmt. Es wurde ein Programm mit etlichen Gaudi-Superstars angekündigt, bebende Spannung liegt in der Luft.

Da, auf der Südtribüne ist eine Bewegung auszumachen! Im pailettenbesetzten Anzug wedelt Hansi Hinterseer auf Skiern die Stadiontreppen hinunter, lässt die künstlichen Gebirgsausläufer wie Slalomstangen hinter sich und kommt am Anstoßkreis zum Stehen, wo er durch gezieltes Ansingen mehrerer ringförmig aufgestellter 60-jähriger Hausfrauen eine gigantische Hitzewallung auslöst, die sich über das ganze Spielfeld ausbreitet und den Schnee in eine schmierige, aber abflussfreudige Matschmasse verwandelt. Famos. Pfundig. Ein Labsal für alle Klimakteriumsgeplagten.

Zeit für den offiziellen EM-Song! „Servus, Grüezi und Hallo“ tönt es aus den Lautsprechern, als Maria und Margot Hellwig auf zwei kapitalen Rindviechern in die Arena einreiten. Hinter ihnen wanken 16 hackedichte Balljungen im Ziegenpeter-Outfit, deren ehrenvolle Aufgabe es ist, in jeden hinterlassenen Kuhfladen eine Fahne pro Teilnehmernation zu versenken. Wunderbar mitanzusehen, wie die am Elfmeterpunkt eingepflanzte schweizer Fahne umfällt – eine augenzwinkernde Choreographie, die auf das strafstößliche Versagen der heimischen Nationalelf im Achtelfinale der WM gegen die Ukraine hindeutet.

Der Höhepunkt ist gekommen, die Stimmungskanone und der Lokalmatador stöpseln zum Entsetzen aller internationalen Besucher das Mikro ein. DJ Ötzi und DJ Bobo haben jede Nation musikalisch gewürdigt und zerbomben mit ihren Gute-Laune-Hits das alpine Gesteinsszenario auf dem Feld. „Olé olé, Portugal hat kein Schnee“, „Heeeey baaby, Italy wins maybe“, „Ei-wei-wei-wei, Croatia kloppt alles zu Brei“, „Woohho-ho, go Russia go“ und „Ha-Ha-Ha, England ist nicht da“ reißen die Massen zu wahren Apathiestürmen hin. DJ Bobo gefällt sich in der Rolle des fanatischen Ausdruckstänzers, während erster Publikumsbeifall aufbrandet, als der sympathische Schweizer sich in einem fulminanten Pyroeffekt selbst sauber zur Längsachse hin einäschert.

Bühne frei für Florian Silbereisen, der nun zur Eröffnungsrede in Bayrisch, Deutsch, Deutsch mit Kehllauten und Deutsch mit lang gezogenem, leicht jammernd klingendem Unterton ansetzt, während DJ Bobo jeden Satz ausdruckstanztechnisch mit einem Bein und einem Arm liebevoll untermalt…

An der Stelle bin ich schreiend aufgewacht.

Mal ernsthaft: es wird bestimmt eine farbenprächtige, Folklore, Vergangenheit und Moderne miteinander vereinende, stimmungsvolle und visuell beeindruckende Eröffnungsfeier werden. An die ich mich schon zehn Minuten nach ihrem Ende nicht mehr werde erinnern können.

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