Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 19

DEUTSCHLAND – SPANIEN 0:1

Vorbericht

- Zum Einstieg meine persönliche Version des Sommermärchens 2008:
Der Fußballgott sitzt auf seinem Thron und ist vergrätzt. Eigentlich wollte er nach der Abarbeitung der Ergebnisse in den deutschen Ligen seine Ruhe haben. Was hatte er nicht alles vollbracht: die Standards (Schalke nicht Meister*, Bayern dafür wieder), die Überraschungen (TSG Hoffenheim???), die Demütigung eines Altmeisters (Nürnberg) und zum Schluss die Abstrafung für das Saarland** (1. FC Saarbrücken,  Borussia Neunkirchen, FC Homburg in der 5. Liga, Abstieg 1. FC Saarbrücken Frauen und der Nichtabstieg des 1. FC Kaiserslautern).
Die Wochen danach galt es jedoch Überstunden zu leisten, weshalb jeden Tag der erfreulicherweise immer noch irdische Schiri-Gott Walter Eschweiler an der Himmelspforte erschien und mit einem breiten Grinsen im Gesicht die traditionelle Begrüßungsansprache erwartete:

(Fußballgott) Mein Gott, Walter! Isses denn immer noch nich’ vorbei?
(Walter) Nein, o Pförtner von Ballhalla, einer geht noch, einer geht noch rein.
(Fußballgott) Ja, dann mach hin! Was steht denn an?
(Walter) Finaaale,
Eure Ballherrlichkeit, Finaaaale, ohoohoohooo. Deutschland gegen Spanien.
(Fußballgott) So sei es; lies mal aus der Mannschaftsakte vor, Walter.
(Walter) Deutschland: sehr bunt gemischtes Auftreten bisher: einmal ordentlich, einmal Mist, einmal durchgewurschtelt, einmal überragend, einmal Riesendusel.
(Fußballgott) Alles klar, fehlt noch eine tragische Niederlage nach überragendem Spiel im Portfolio. Strick sowas wie beim Finale der WM 2002 gegen Brasilien zusammen. Und lass den Ballack nicht mitspielen, der trägt immer noch die 13, weiß der denn nicht, dass Fußballer abergläubisch zu sein haben? Einen schönen Tag noch.
(Walter) Moment einmal. Die Spanier haben dagegen alle Spiele gewonnen und würden seit 1964 wieder einen Titel erringen.
(Fußballgott) Ui, das geht aber nun mal gar nich’. Da könnte man mir fehlende Wankelmütigkeit vorwerfen. Müssen die halt auch verlieren.
(Walter) Das wird schwierig, mein Gebieter.
(Fußballgott) Ach Walter, altes Haus, wirf einfach ‘ne Münze, ich mach jetzt Sommerferien.

Und so wurde Deutschland Europameister. Denn Münzen werfen konnte er, der Walter.

* der Fußball-Gott ist übrigens ein Riesenfan der Schalker: leider halt aber auch Sadist.
** was andeutet, dass der Fußball-Gott Saarländer sein könnte (siehe * nach dem Doppelpunkt)

- Die Spanier also, deren größter Erfolg 1964 der Gewinn der EM war, gefolgt 1984 von der Vizeeuropameisterschaft. Rein zahlenlogisch hatten die ihre große Chance 2004, wo sie in der Vorrunde Griechenland den zweiten Platz überlassen mussten, weil die mehr Tore erzielt hatten. Die Griechen! Mehr Tore! Brüller!
1964 ist schon so lange her, da war ich noch gar nicht auf der Welt. Nicht mal mein Bruder und der hält sich für sehr alt. Und 1984 war ich in dem festen Glauben, dass “Wild Boys” von Duran Duran das härteste Lied aller Zeiten mit dem härtesten Video aller Zeiten war (das nur spät nachts ungeschnitten laufen durfte). Es ist also wirklich, wirklich lange her, dass die Spanier was gewonnen haben. Was eine Niederlage natürlich umso umso schmerzlicher machen würde. Der Druck muss ja immens sein. Ob die damit zurechtkommen, wenn sie früh im Spiel ein, zwei Törchen fangen? Oder beim Elfmeterschießen in den plötzlich ganz klein gewordenen Raum mit Netzbehang treffen müssen?

- Die Spanier können wir innerhalb der 90 Minuten nur knacken, wenn wir wie gegen Portugal per Doppelschlag in Führung gehen. Sowas lähmt traditionell südländische Beine von Rio bis Lissabon (im Südosten Europas haben sie anscheinend ein Gegenmittel gefunden). Bleibt die Frage nach dem Wie. Die Russen trafen per Kopf zum zwischenzeitlichen 1:3, ebenso die Griechen zur 1:0-Führung, während die Schweden durch einen Flachschuss von Ibrahimovic das zeitweilige 1:1 erreichten. Mit der Rübe geht also zu 75 % eher was als mit dem Fuß. Der Schlüssel zum Triumph und zu den Siegesschlagzeilen könnte deshalb Standardsituation heißen. Was auch den schönen Vorteil mit sich brächte, dass ein gewisser unbändiger Teil der Bevölkerung lernen würde, Standard ohne zweites “t” zu schreiben. Mit Freistößen hat es ja mittlerweile geklappt, jetzt wären die Ecken dran. Also: Klose und Ballack (so er denn doch spielen kann) exzessiv vorne rumtreiben lassen und die Daumen drücken. Vielleicht sogar doch nochmal den Gomez bringen, weil der mir mittlerweile ein wenig Leid tut und überhaupt der ideale Matchwinner wäre – der Fußballgott steht nämlich auf gefallene Helden.

- Zweite Option: Elfmeterschießen. Gegen die Italiener mag das für die Spanier geklappt haben, einen haben sie dennoch versemmelt. Einmal vorbei könnte für unsere Jungs reichen. Und wer war das damals? Daniel Güiza, mein Freund und Geldvermehrer. Daniel, ich zähl auf dich. Mach mich nochmal froh, diesmal halt rein immateriell. Wir verstehn uns, Amigo.

- Egal, wie es ausgeht, ich geh danach feiern. Alleine schon deshalb, weil wir weiter gekommen sind als Italien, Holland, Portugal und England. Weshalb der Nachbericht wahrscheinlich erst am späten Montag geschrieben werden wird. Aber wer liest schon Blogs, wenn die eigene Nation gerade Europameister geworden ist?

Nachbericht

- Es hat nicht sollen sein. Die Spanier waren die bessere Mannschaft und haben verdientermaßen gewonnen, meinen Glückwunsch. Der Fußballgott hatte letztlich doch seine Finger im Spiel und strafte den besten Deutschen des Turniers, Philipp Lahm, mit zu kurzen Beinen und zu unrobustem Körperbau, um sich gegen Fernando Torres in der 33. Minute durchzusetzen. Schon ein bisschen ähnlich tragisch wie Oliver Kahn bei der WM 2002.

- Ohne Witz, jedes Mal, wenn ich den Namen Torres hörte, hatte ich als Filmfan die Schlagzeile “TORRES! TORRES! TORRES! SPANIENS #9 VERSENKT [Mannschaft einfügen]” im Kopf. Musste es jetzt wirklich die DFB-Elf sein, die den Platzhalter ausfüllt?

- An der Tatsache, dass ich mich an keine sehenswerte Parade von Iker Casillas erinnern kann, lässt sich der Spielverlauf ziemlich gut ablesen. Seien wir faire Sportsmänner und gönnen es den Spaniern, die nach 44 Jahren Jubelabstinenz bei Welt- und Europameisterschaften sicherlich zu den würdigen Kandidaten für das Championat zählten. Wir sind nach der Trizemeisterschaft vor zwei Jahren immerhin eine Stufe höher geklettert – auch wenn ich mich mit diesem tröstenden Argument Michael Ballack sicher heute Abend nicht nähern wollen würde.

- Ich halte es in solchen Momenten, in denen es am Ende doch nicht so hinhauen will wie gewünscht mit den fußballerisch unbefleckten, aber musikalisch ab und an treffsicheren Amerikanern von Journey, deren zwei situationsbedingt passendste Songs ich mir auch diesmal zu Herzen genommen habe. Fußball ist halt doch nur ein Spiel. In dem anders als Gary Lineker dachte auch andere Teams als Deutschland gewinnen können.

Journey – Don’t Stop Believin’

Journey – Be Good To Yourself

Abspann
Vielen Dank an alle Leserinnen und Leser, insbesondere:
tinitussi (für den überaus netten Beitrag auf gizmodo.de)
donvanone (für DonsTags stattliche Erhebung)
Herr Schoss (für die elaborierten Kommentare im EM-Tagebuch)
Frau Cara (für die Erstverlinkung dieses Blogs)
madenwirt (für den Lesebefehl)
Robert Basic(für das Robert Basic-Gebirge)und natürlich den alten BloggerkollegenAlph
bullion
Dr. T. Le Vision
frau awa
Miss Sophie
(Glückwunsch zum Sieg beim Harvey-Tippspiel)
quintus
symBadisch
thwidra

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11 Antworten zu “Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch – Tag 19

  1. Pingback: Spanien - Deutschland 2:1! Villa verletzt! Ballack nicht? »

  2. Ich sage auch Danke und freue mich auf die nächste kompetenzfreie WM!

  3. Ich bedanke mich herzlich für vergnügliche Leseminuten und freue mich auf das unfaßbar kompetenzfreie WM-Tagebuch 2010.
    Vielen Dank auch an TheKaiser, der mir dieses Blog empfahl.

  4. Ich las bereits das unfaßbar kompetenzfreie WM-Tagebuch 2006 und war sehr davon angetan. Zwei Jahre lang freute ich mich auf das EM-Tagebuch 2008. Und ich wurde nicht enttäuscht. Herzlichen Dank dafür…

  5. Möchte mich auch herzlich bedanken und zum Durchhaltevermögen, der Disziplin und der immer sichtbaren Spielfreude in diesem Blog gratulieren!
    Ich fände es höchst erfreulich, wenn wir alle nicht bis 2010 warten müssten, um wieder Neues aus Ihrer Feder zu lesen.
    Könnten Sie es nicht den italienischen Eisdielen-Betreibern gleichtun, die außerhalb der Saison kurzerhand das Ladenlokal mit anderem Warenangebot bestücken? Es müssen ja keine handgeknüpften Teppiche sein, die Sie feilhalten ;)

    Herzliche Grüsse,
    Cara

  6. Danke für die zahlreichen Bedankungen.

    @Frau Cara: die Seltsamkeiten außerhalb der Saison gab es über 3 Jahre und 883 Beiträge lang auf dem Blog “Inishmores Blick auf die Welt” mit Bestückungen wie absonderlichen Videos, erschreckendem Geschmack an TV Serien und Musik sowie Betrachtungen, die nur der Autor selbst verbloggungswürdig befand. Sowie einem feschen OldSchool-Profilbild.

  7. Besten Dank, werter Herr More, das waren aber auch Steilpässe wie weiland Beins Uwe auf Yeboahs Toni. Wenn hier einer den Pokal verdient hat, dann Sie!

    Herzlich
    Ihr Erdge Schoss

  8. Besten Dank für den Hinweis , Herr More (heißen Sie tatsächlich so, oder hat das der gute Schoss wieder freihändig beschlossen? ).

    Damit das nicht bei 883 Beiträgen bleibt, werde ich Sie jetzt regelmäßig besuchen und im Untätigkeitsfall anstupsen.
    Kann ich gut! Fast so gut wie mein Vorredner hier.
    Oder fragen Sie Ettore Schmitz, der so gütig war, Herrn Schoss und mir das Prädikat ” Generalnervensägen” zu verleihen. ;)

  9. Da war der gute Schoss natürlich so frei und hat aus einem Pseudonym einen Vor- und Nachnamen gezaubert. Aber deshalb lieben wir doch alle den Herrn Schoss! Mein echter Nachname ist allerdings dermaßen öde, dass mir Herr More, Herr Inish oder Herr Inishmore tausend Mal lieber ist.

    Der Grund, weshalb es hier nicht weitergeht, ist bekannt – irgendjemand hat ohne mich zu fragen für die nächste Fußballveranstaltung eine Zweijahrespause angeordnet. Ein Affront sondergleichen für Rundlederabhängige wie mich.

    Weshalb es drüben nicht mehr weitergeht, steht dort (ja, ist fies, aber man muss halt die letzten Hits mitnehmen).

  10. Pingback: Japan – USA | Das unfassbar kompetenzfreie WM-Tagebuch

  11. Pingback: Spanien – Italien (Vorbericht) | Das unfassbar kompetenzfreie EM-Tagebuch

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